Kartenlegen

In unserer heutigen Zeit gibt es eine große Vielfalt an Kartendecks, die den gegenwärtigen Zeitgeist mit all seiner Buntheit und Mystik wiederspiegeln. Doch gerade darin liegt auch die Gefahr, dass man sich auf seiner Suche nach Antworten mehr und mehr im Labyrinth der Eindrücke verliert. Am Ende steht man vor mehr Fragen als man Antworten erhalten hat.

Das Aufgabengebiet eines Kartenlegers von Heute unterscheidet sich kaum von dem aus vergangenen Zeiten. Auch früher steckte in dem sogenannten „Kartenschlagen“ ein großer Schuss Weisheit und Psychologie. Im Laufe der Zeit gewann jedoch die Arbeitsweise derer, die weniger Wissen spektakulärer verpackten, mehr und mehr an Aufmerksamkeit. Ein abgedunkelter Raum, Kerzenlicht, Räucherware, auf einem kleinen Tischchen mit schwarzer Samttischdecke liegen Karten mit mystisch anmutenden Bildern und dazu hört man die schicksalsträchtige, beschwörende Stimme einer in wallende Gewänder gehüllten Frau. So alt diese Vorstellung auch sein mag, ist sie auch heute noch das erste innere Bild, welches wir vor Augen haben, wenn man vom Kartenlegen spricht. Doch mit Mystik und Wahrsagerei hat die Kunst des Kartenlegens überhaupt nichts zu tun.

Im Gegenteil! Nüchtern betrachtet übt der Kartenleger ein altes Handwerk aus, wie z.B. ein Schmied, ein Schuster oder ein Schneider. Wie in allen anderen Handwerksberufen, gibt es auch beim Kartenlegen Lehrlinge, Gesellen und Meister. Deshalb sollte man sich auch darüber im Klaren sein, dass der Beruf eines Kartenlegers keinesfalls in einem Wochenendseminar erlernbar ist. Auch hier sollte man sich bewusst sein, dass nur wer alle Stufen einer langjährigen Ausbildung durchläuft die Stufen vom Lehrling zum Meister erklimmen kann.

Natürlich spricht nichts dagegen das Kartenlegen für den Hausgebrauch zu erlernen. Schließlich kann sich ein begabter Hobby-Handwerker auch schon einmal bei sich zu Hause oder bei Freunden als hilfreiche Hand bewähren, indem man einen Stuhl repariert, im Bad neue Fließen anbringt oder einen Fußboden verlegt. Doch ohne fundierte Ausbildung wird er immer bleiben wer er ist – ein Laie mit Kenntnissen der Materie.

Den Weg einer guten Ausbildung beschreiten bedeutet, dass die Etappe vom Lehrling zum Gesellen das Grundwissen, dessen Anwendung und erste Erfahrungen bringt. Die Etappe vom Gesellen zum Meister festigt das Grundwissen, erweitert die Erfahrungen und verfeinert die Anwendung, indem das Zusammenspiel aller drei Faktoren, durch ständiges Üben in Fleisch und Blut über geht – unser intuitives Wissen. Dieses intuitive Wissen ist wie eine Art Sprache. So spricht beispielsweise der Schmied die Sprache der Metalle, der Schreiner die Sprache der Hölzer und der Kartenleger spricht die Sprache der Seele.

Metalle und Hölzer sind für unser Verständnis greifbar, da wir allgemeingültige Bilder und somit eine deutliche Vorstellung von ihnen haben. Mit der Seele ist das anders. Von ihr gibt es für uns kein allgemein gültiges Bild. Jeder einzelne hat seine ganz eigene Sicht auf die Seele. Genau das macht es uns aber so schwierig mit dem uns unbewussten Teil unserer Persönlichkeit um zu gehen. Wie soll man eine Sprache finden für etwas, das uns fremd erscheint, obwohl es doch eigentlich ein Teil von uns ist?

Die Psychologie kennt die Sprache der Psychosomatik. So gesehen eine körperliche Sprache. Geht es der Seele nicht gut, zeigt sie es uns über unseren krank werdenden Körper. Doch wer will schon jedes Mal krank werden, nur um sich mit seiner Seele zu unterhalten? Hier setzt das Kartenlegen an. Statt sich in Krankheitsbildern aus zu drücken, kann die Seele die Bildsymbolik der Karten als Sprachrohr nutzen. So vermittelt sie uns anhand der unterschiedlichsten Ereignisse, wie z.B. Hochzeiten, Arbeitsplatzwechsel, Trennungen oder erreichten Zielen, wie es ihr geht, was sie gerne anders hätte oder womit sie Probleme hat. Sie sagt uns was sie gerne noch lernen würde oder worauf sie in Zukunft lieber verzichten möchte. All das beinhaltet das Kartenlegen als Handwerk. Das sogenannte Wahrsagen benutzt zwar ebenfalls die Bilder, die uns unsere Seele projiziert, bleibt aber in den Bildern als Ereignis verhaftet. Es dient meist der Show und lebt von dem Motto: „Je mehr Ereignisse die eintreffen, umso besser die Beratung“, jedoch erfährt der, dessen Seele Hilfe sucht kaum etwas über sich. Im Gegenteil, die Verunsicherung was denn in Zukunft noch so alles kommen mag, wächst von Mal zu Mal.

Hier gelangt man auch an den Punkt an dem viel darüber diskutiert wird, ob Kartenlegen Abhängigkeiten schafft oder nicht. Der Unterschied darin, liegt hier ganz klar in der Erwartungshaltung des Einzelnen. Wer seine Befürchtungen ausräumen oder sie bestätigt sehen will hat ein deutlich erhöhtes Risiko in Abhängigkeiten zu geraten. Beides geht nur im Austausch mit anderen. Derjenige der durch die Beratung in einer Lebenssituation versucht aus Erlebnissen Erkenntnisse für sich selbst zu gewinnen und diese als Erfahrungen zu verarbeiten, wird kaum in die Gefahr von Abhängigkeiten geraten. Denn hier reflektiert der Mensch Gehörtes und nutzt es zu seiner Weiterentwicklung. Dadurch bleibt er eigenständig.

Egal ob Schmied, Schreiner oder Kartenleger. Die Meister ihres Faches erkennt man stets daran, dass man nicht immer gesagt bekommt was man hören will, aber durch die Gespräche mit ihnen, immer neue Erkenntnisse und Sichtweisen zu positiven Erfahrungen verarbeiten kann. Ganz nach dem Motto:“Wieder etwas dazu gelernt!“