Freiheit bedeutet, den Unterschied zwischen „Behüten“ und „Beschützen“ verstanden zu haben

Nachdem ich in meinem Wolkenarrest fleißig gelernt habe, hat Oma ein Einsehen mit mir gehabt und meine eingeschränkte Bewegungsfreiheit wieder etwas gelockert. Rumtreiben und die anderen auf ihren Wolken besuchen, zu Lernzwecken, darf ich wieder. Nur zu den Essenszeiten ist meine Anwesenheit noch unerwünscht. So manch einer von Euch mag jetzt denken, dass das noch immer eine ganz schön harte Strafe ist. Gerade auch, weil ich im Allgemeinen ja als ziemlich verfressen gelte. Doch da kann ich Euch beruhigen. Seit ich spitzgekriegt habe, dass die vielen kleinen Motivationshäppchen meiner Lehrer, am Ende viel mehr ergeben, als der eine Happen am Tisch beim gemeinschaftlichen Essen, nutze ich das Abwesenheitsgebot als Zeit für ein Nickerchen. Ehrlich, so satt … rülps … und ausgeschlafen … miau … war ich noch nie! Kaum zu glauben, was die Überwindung von Wissenslücken, an neuen Lösungen und einem ganz anderen Werteverständnis bringt – und das bei vollster Zufriedenheit. Wenn Ihr mich fragt, war mein Leben, nach dem Wolkenarrest, noch nie so gut wie jetzt.

„Na, wo ist er denn mein Musterschüler? Es gibt Kuchen!“ … meine Rede … schleck … bin schon da, Großtantchen … „Immerhin, weshalb eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit nicht immer etwas Negatives bedeutet, hast du verstanden. Wie steht es denn mit der Einschränkung der Handlungsfreiheit? Bist du da schon zu Einsichten gekommen?“ … um ehrlich zu sein, verstehe ich das noch nicht so ganz. Es ist eine Sache, freiwillig etwas nicht zu tun, aber eine ganz andere, wenn Oma mir vorschreibt etwas nicht zu tun. Zudem fällt es mir schwer, den Zusammenhang, mit dem Markt in Wuhan und der Massentierhaltung in Einklang zu bringen. Wenn beides verboten wird, hätten wir etwas aus der Krise gelernt. Allerdings würde das ja gerade wieder unsere Freiheit, die uns so wichtig ist, beschränken. Das passt aber nicht zu der Devise, nach der wir hier lernen. Ihr sagt immer, ein gutes Leben geht auch ohne Verbote…

„Das geht auch. Dazu brauchst du nur den Unterschied zwischen „Behüten“ und „Beschützen“ zu verstehen.“ … ist das nicht das Gleiche? … „Nein, mein Lieber. Behüten meint, im Sinne deines Beispiels mit Oma, dass sie die Tradition des Kaffeekränzchens beibehalten will und deshalb immer wieder einen Kuchen backt. Beschützen meint, dass Oma alles dafür tut was notwendig ist um den Kuchen, die Grundvoraussetzung für das Kaffeekränzchen, vor dir in Sicherheit zu bringen. Notfalls auch mit extremen Maßnahmen, wie deinem Wolkenarrest.“ … aha, verstehe. Doof bin ich aber auch nicht. Kann es sein, Großtantchen, dass du mich, den Kuchenjäger, hier gerade zum Virus abstempelst?! … mööhhh … „Hi, hi, trag`s mit Fassung, Herr Cater. Heutzutage erreicht ein Virus oft mehr als ein Mensch oder Kater, da kommt dir der Vergleich, bei deinem Lerneifer, doch eher entgegen.“ … pfhh … na schön, aber was bitte hat der Unterschied von „Behüten“ und „Beschützen“ im Bezug zum Markt in Wuhan und der Massentierhaltung zu tun? …

„China ist ein Land, indem großer Wert auf die Erhaltung von Traditionen gelegt wird. Das worauf der Mensch großen Wert legt, „behütet“ er, indem er seine Handlungen darauf ausrichtet es zu erhalten, wie es immer war. Selbst dann, wenn sich die Rahmenbedingungen oder das Wissen um den Nutzen verändern. Im Beispiel Wuhan ist dies die negative hygienische Situation, aufgrund der wachsenden Tier und Menschenzahl auf dichtgedrängtem Raum. Es wird Tradition gelebt, ohne die Handlungen auf die sich ändernden Gegebenheiten anzupassen. Den Markt in Wuhan zu „beschützen“ würde bedeuten, dass man die Zucht und den Verkauf der Tiere dem Stand des Wissens um die Gefahr einer Virusübertragung anpasst.“ … dann kann die Tradition des Marktes erhalten bleiben, auch wenn sich die Art der Durchführung ändert. Aber was bitteschön hat nun eine Tradition, die der Mensch aufrechterhalten will, mit der Massentierhaltung zu tun? …

„Mehr als du denkst. In der Massentierhaltung wird die „Tradition“ des Gewinne Machens, der Wirtschaft aufrechterhalten. Im Gegensatz zum Einzelnen, hat die Wirtschaft längst erkannt, dass man Gewinne nur „behüten“ kann, indem man aktiv darum bemüht ist, sein Handeln den jeweiligen Gegebenheiten des Marktes anzupassen. Daraus ist die sogenannte „Lobby“, die Beschützer, der Interessen der Wirtschaft, entstanden. Sie versucht Einfluss auf die Politik (Gesetze) und das Werteempfinden der Konsumenten (Werbung) zu nehmen um ihr Tun weiterführen zu können. Der Konsument selbst, „behütet“ seine vermeintlich eigenen Werte – billig, viel, schnell und immer verfügbar.“

… vermeintlich wohl deshalb, weil uns die Werbung das so suggeriert. Na toll. Bei Wirtschaft und Konsument kommt in Bezug auf Werte, das Tier überhaupt nicht vor. In meinem Beispiel mit Omas Kuchen, gibt es wenigstens noch Opa, dem ich Kalorien ersparen will. Da drängt sich mir doch glatt ein aberwitziger Gedanke auf. Kann es sein, dass Tierschutz nicht funktioniert, weil es unmöglich ist etwas zu beschützen, das Werte, die man behüten will in Frage stellt? Die Wirtschaft kann es sich, um weiter Gewinne einzufahren, nicht leisten Tierschutz und bessere Arbeits- und Verarbeitungsbedingungen zu realisieren. Der Konsument setzt die Wirtschaft nicht unter Druck, etwas verändern zu müssen, da er statt beim kleinen Erzeuger auch weiterhin bei ihr kauft. Soll sich um den Tierschutz doch der Staat kümmern und neue Gesetze erlassen. An dieser Stelle drängt sich mir auch schon die nächste Frage auf: Wie viele Gesetze braucht der Mensch eigentlich, um sich der Verantwortung bewusst zu werden, die sein Recht auf Freiheit so mit sich bringt?

… rülps… bei all den Kuchenkalorien, die ich mir vor lauter lernen mit Großtantchen heute reingeschaufelt habe, bin ich mir jetzt sicher. Meine Figur werde ich nur behüten können, wenn ich mein Werteempfinden von „so viel wie möglich“ in ein „weniger ist mehr“ ändere…

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater