Ein ganz besonderes Erbstück

Im Allgemeinen bezeichnet Frauchen das Leben an sich und wenn wir etwas für sie tun, im Besonderen, in ihrer eher pragmatisch trockenen Art, als schlicht „sehr interessant“. Das ändert sich jedoch in den Momenten, in denen sie für uns etwas tun soll, schlagartig. Dann sieht selbst sie das Leben als großes Abenteuer.

So wie vor ein paar Jahren. Groß-Tantchen hatte es sich mal wieder mit ihren Häkelsachen in Frauchens Lieblingssessel bequem gemacht. Da sitzt sie gerne, denn Frauchens Schreibtisch steht gegenüber und so kann sie ihr bei der Arbeit immer ein wenig Gesellschaft leisten. Doch an diesem Tag war irgendetwas anders. Groß-Tantchen machte ein ungewohnt ernstes Gesicht und die Häkelei ging ihr nicht wirklich von der Hand. …. was ist los Groß-Tantchen?… „Ach Herr Cater, ich bin traurig. Als ich heute Morgen mit deinem Frauchen in der Stadt war, hab` ich meinen alten Schulkameraden gesehen.

Er ist Wittwer, gesundheitlich geht es ihm nicht gut und er hat die Lust am Leben verloren. Damals als er mich bei unserem letzten gemeinsamen Klassentreffen gefragt hat, ob ich mal mit ihm einen Kaffee trinken gehe, hab` ich nein gesagt – ich hätte keine Zeit. Na ja ich dachte damals, dass es sich nicht schickt und man ja nie weiß was sich die Leute da so zusammenreimen, wenn sie uns sehen. Ein kleiner Filou war er ja ganz früher schon.

Heute früh habe ich dann plötzlich verstanden, dass der Gute einfach nur einsam war, weil er keinen hatte, mit dem er reden konnte. Jetzt quält mich mein schlechtes Gewissen und würde ihm doch so gerne helfen – er tut mir so leid, wie er da so unglücklich durch sein Leben schlurft. Ach, Herr Cater, hätte ich damals nur auf dein Frauchen gehört. Sie hat mir immer wieder gesagt es sei doch nichts dabei mit einem netten Kerl mal einen Kaffee trinken zu gehen. Was soll ich nur machen? Hast du eine Idee?“ ….ich sag nur FRAUCHEN!… „Meinst du das geht?“

In diesem Moment klingelte Frauchens Telefon. „Ja, ist ok. Dann treffen wir uns in einer Stunde im Café.“ Wie meistens war Frauchen schon vor dem vereinbarten Termin vor Ort und setzte sich mit ihrem Kaffee an einen großen Tisch. Kurz darauf hörte sie ein schüchtern, schelmisch klingendes „Fräulein, ist bei ihnen am Tisch noch Platz für einen alten Mann wie mich?“ „Wie alt sind sie denn?“ „Schon 83 bin ich, warum?“ „Na, so wie ihre Augen blitzen, sind sie höchstens 38. Da passen wir vom Alter her doch gut zusammen.“ Mit einem befreiten Lachen setzte sich Groß-Tantchens einstiger Schulkamerad neben Frauchen an den Tisch. Die beiden scherzten und lachten bis Frauchens Freundin mit einer halben Stunde Verspätung zu dem munteren Treiben dazu kam. Nach drei Stunden saß Frauchen wieder an ihrem Schreibtisch und Groß-Tantchen vertiefte sich erleichtert in ihre Häkelei.

Wie heißt es im Leben? Weil`s so schön war – gleich nochmal! Die nächsten Male sorgte der Schulkamerad von selbst dafür, dass er Frauchen des Öfteren über den Weg lief um an einen gemütlichen und lustigen Kaffeeplausch zu kommen. Irgendwann fanden sie auch heraus, dass sie Groß-Tantchen beide kannten. Er gestand, dass er damals sehr gerne mit ihr ausgegangen wäre, aber gegen die jetzige Form, dabei schaute er Frauchen verschmitzt an, absolut nichts ein zu wenden hätte. Bis zu seinem Tod, ein paar Jahre später, pflegten die beiden eine nette Freundschaft, tranken Kaffee, gingen Essen und feierten seine Geburtstage. Frauchen nannte ihn oft neckisch „ihr besonderes Erbstück“.

Logisch, dass er Groß-Tantchen und uns auch heute noch gerne besuchen kommt. Frauchen merkt es meist daran, dass sie, auf ihrem Weg durch die Wohnung wieder mal länger als sonst vor seinem Bild Halt macht. Groß-Tantchens Art ihr zu sagen: „Wir haben ihn eingeladen, denkst du bitte an Kaffee und Kuchen!“ Macht sie gerne. Schließlich weis sie mittlerweile ganz genau, dass ihr, Dank der fröhlichen Erinnerungen, wieder ein gemütlicher und kurzweiliger Nachmittag bevorsteht.

Ja, durch uns hat sie schon die interessantesten Leute kennen gelernt. Ganz nebenbei hat sie so auch immer die ein oder andere Geschichte aus unserem Leben erfahren, die sie bis dato noch gar nicht kannte. Genau das ist es aber was das Leben interessant macht. Aus allem etwas lernen zu können. Das bedeutet in vielen Fällen jedoch, bereit zu sein das Geschehen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Doch ganz ohne Übung geht das nicht. Deshalb nutzen wir jede erdenkliche Gelegenheit, die sich uns bietet, um Frauchen die eine oder andere Lektion lernen zu lassen.

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater

Der gefiederte Regenbogen

Nachdem Opa in seinem jetzigen Wolken-Leben endlich eingesehen hat, dass mit dem Tod wohl doch nicht alles zu Ende ist, wird er richtig kreativ. Mittlerweile versucht er sich schon in doppelten Regenbögen. Dumm nur, dass wir uns hier drüben bei aller Freiheit, die wir scheinbar haben, doch irgendwie an die Naturgesetze halten müssen. So kam es wie es kommen musste. Frauchen hatte Sorgen, Opa wollte trösten und dann das – Schnee. Wie bitte soll man mitten im Winter bei Schnee und Eis, ohne Regen und Sonne einen Regenbogen zaubern? „Was mach ich jetzt nur, Herr Cater?“ Opa war ratlos. ….??? … Nicht nur er. …Alle mal herhören hier drüben… irgendjemand eine Idee? …. „ ???“ Wirklich Keiner??!…

Währenddessen stapfte Frauchen, dick in Jacke, Schal, Mütze und Handschuhen eingemummt Richtung Fluss. Seit Opas Seebestattung zieht sie es immer an die gleiche kleine Bucht, wenn sie sich Opa nah fühlen will. Einen festen Ort zum Hingehen hat sie sonst nicht. Friedhof kam für Opa ja nicht in Frage. Na, und jedes Mal wenn`s irgendwo zwickt oder drückt, an die Ostsee fahren – geht nicht. Zu weit und zu teuer. Doch die kleine Bucht am Fluss ist ein im wahrsten Sinne des Wortes ein naheliegender Kompromiss. Blut ist sowieso dicker als Wasser. Da braucht man in der Definition was die Ostsee ausmacht nicht kleinlich sein. Der Main besteht wie sie auch aus reichlich Wasser. Im Moment leider aus ziemlich kaltem Wasser.

Das bringt mich wieder auf Opas Regenbogenproblem zurück. Langsam kann er sich was einfallen lassen der Gute. Frauchen steht jetzt schon ziemlich lange in der Kälte, weint Eiszapfen und beharrt trotzig darauf ein väterliches Zeichen haben zu wollen. Nach und nach machen sich Uroma und Groß-Tantchen Sorgen um Frauchens laufende Nase. Hoffentlich holt sich das Kind nicht auch noch einen Schnupfen. Eine Lösung muss her – aber wie? Während hier drüben alles hektisch nach einem Ausweg sucht und ich fasziniert den kleinen Fischen im Wasser beim Schwimmen zusehe, spitzt sich die Situation wider Erwarten noch um einiges zu.

„Papa ich weiß das du mir zeigen kannst, dass du da bist.“ Ist es denn zu fassen? Was erwartet das Mädchen denn? Opa ist Opa und nicht der liebe Gott! Da guck` ich lieber wieder den kleinen Fischlein zu. Früher hieß es ja auch, Aquarien beruhigen die Nerven …ich krieg` leider immer noch Hunger beim Anblick von Fisch …schleck …Das aufgeregte Getuschel im Hintergrund riss mich dann aber doch aus meinem Traum von einem großen, mit Thunfisch gefüllten Napf. …??? …wie, ihr habt eine Lösung gefunden?!…

Nein, meine Familie gibt nicht auf. Frauchen nicht, die bleibt stur wie ein Panzer in der Kälte stehen, zutiefst entschlossen den Kampf mit der nächsten Erkältung auf sich zu nehmen und die anderen auch nicht – schließlich haben sie ihr diesen Dickschädel vererbt. Sie handeln ganz nach meinem Motto: Schwierige Situationen verlangen Kreativität!

Wenn Ihr auch zu den Leuten gehört, die der Meinung sind, dass Wunder bewirken und die Welt bewegen, schwierig bis unmöglich ist, dann sag ich Euch jetzt mal was. Einen kleinen Vogel, der Mucksmäuschen still auf einem Ast sitzt und sich den besten Fisch für sein nächstes Mahl ausguckt, dazu zu bewegen, ohne Chance auf einen Leckerbissen los zu fliegen und zwar so, dass Frauchen das auch sieht, ist schwerer. Aber was soll man machen. Die goldene Regel lautet nun einmal: der Glaube versetzt Berge. Da hilft auch einem kleinen Vogel nichts. … Los! … Flieg endlich! … Gefressen wird später!… „Papa – ich wusste du kannst das!“ Frauchen strahlte über ihr ganzes, vor Kälte gerötetes Gesicht. Warum? Nun, Frauchen sah den ersten Eisvogel in ihrem Leben und dessen Federkleid funkelte im Flug genauso farbenprächtig wie Opas Regenbögen – wenn die Wetterbedingungen stimmen.

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater

Die Trauerzeit

Der Beginn der Trauerzeit, hat seinen Spiegel in der Ankündigung eines neuen Lebens. Ob wir einen Verlust oder ein „Ich bin Schwanger“, bzw. ein „Ich werde Vater“, durchleben, in beiden Fällen sehen wir uns gravierenden Veränderungen unseres Lebens gegenüber. Es stellen sich die gleichen Fragen: Was soll ich tun? Was wird sich in meinem Leben ändern, bzw. was muss ich in meinem Leben ändern? Werde ich das alles schaffen?

Laut Ur-Oma steckt die Trauerzeit, genauso wie die Zeit der Schwangerschaft voller Hochs und Tiefs. Während wir uns freuen, dass das Leid des Verstorbenen mit dem Tod ein Ende hat, kämpfen wir mit unserer eigenen Traurigkeit und dem Schmerz über den Verlust. Nicht viel anders geht es den werdenden Eltern. Nach der Freude über das neue Leben, machen es die nun folgenden Probleme, die ein Schwangerschaft so mit sich bringt, wie morgentliche Übelkeit oder auch, je nach Stadium, der zunehmende dicke Bauch, der immer weniger in eine wetterkonforme Kleidung passen will, sowie die Sorgen der werdenden Väter, wie man die hormongesteuerten, höchst zweifelhaften Essgewohnheiten, der werdenden Mutter, aus dem Tankstellensortiment um Mitternacht, befriedigt bekommt und den schlaflosen Nächten, in denen man sich fragt, was so ein neues Leben nun wieder an Kosten verursacht, nicht immer leicht, daran zu glauben, dass auch wieder leichtere Zeiten kommen.

Ob in der Trauer oder der Schwangerschaft, in beiden Fällen kommt der Tag, an dem der Neubeginn scheinbar eigenmächtig alles Negative vergessen lässt. Im Fall der Schwangerschaft ist es der erste Schrei des Neugeborenen, den wir mit Spannung erwarten. In der Trauer ist es ebenso ein einziger Moment, der unser Herz wieder für die Liebe und Freude öffnet. Doch auch er will von uns erwartet werden.

Wie Opa das bei Frauchen gemacht hat, erzähl ich Euch jetzt:

Das Geburtstagsgeschenk

Opa war zu seinen Lebzeiten ein eher in sich gekehrter und nüchtern denkender Mensch. Hatte er sich erst einmal eine Meinung zu etwas gebildet, rückte er auch durch die besten Argumente nur sehr schwer wieder von ihr ab. Das kam bei ihm besonders in Gesprächen über den Tod und was danach kommt, die er ab und an mit seiner Tochter, meinem Frauchen führte, zum Tragen. Während Frauchen, Dank Ur-Oma, eher die Meinung vertritt, dass auch nach dem Tod nicht alles zu Ende ist, stand für Opa fest, „Ein Danach gibt es nicht.“

Dumm nur für ihn, dass es für mein Frauchen aber ein „geht nicht – gibt`s nicht“ existiert. Das hat sie von mir. …wie ich bin auf Diät? Keine Schleckerlie heute? Sorry Frauchen, bin dann mal kurz weg, die Nachbarin besuchen… In diesem Sinne schilderte sie Opa dann ihre Vorstellung der Dinge. „Du wirst schon sehen. Ich werde den ganzen Tag nach dir rufen und dir sagen, mach mal bitte dies, helfe mir doch mal dabei und wenn du dann brav geholfen hast, lade ich dich dann schon auch mal auf Kaffee und Kuchen ein. Mit den anderen, die schon vorausgegangen sind, klappt das ja auch hervorragend.“ Tja Opa, mit dieser Tochter bekommst du richtig Arbeit – von wegen da gibt es nichts! Er meinte dann auch, dabei blitzten seine blauen Augen spitzbübisch auf, „Da ist man noch nicht tot aber schon schlimmer verplant als im Leben. Nein, mir ist es lieber da kommt nichts mehr. Abgeschlossen, fertig, Ende!“

Nach Opas Seebestattung im Oktober, mit all den wider Erwarten schönen Erinnerungen an Glühwein und Roulade mit Klos und Rotkraut, sowie Frauchens Gefühl der Verbundenheit mit ihrem Vater, kehrte eine fast schon gespenstische Stille ein. Jeder Ruf, jede Bitte und jedes Flehen von Frauchen blieb unerhört. Ich konnte sehen und spüren wie Frauchen mehr und mehr die Hoffnung aufgab, den Kontakt zu ihrem Vater wieder zu finden. Er war halt einer von den Sturen. Aus, vorbei, Ende. „…Papa … Paaapaaa ….“ Stille. Die Zeit verging. Weihnachten stand vor der Tür.

Einen Tag vor Heilig Abend wäre Opa 76 Jahre alt geworden. Trotzig wie Kinder sein können, werkelte Frauchen, mit den Tränen kämpfend in ihrer Küche. Rouladen, Klos und Blaukraut aus dem Backofen, sein traditionelles Geburtstagsessen. Ob das Opa aus seiner Himmelswolke hervorholt? „Papa?“ Nein. Es blieb still. Ich bin immer wieder erstaunt darüber wie viel Frauchen ertragen kann. Aber gut, sie hat 18 Jahre ihres Lebens mit mir, dem Herrn Cater verbracht. Das geht auch nur wenn man hart im Nehmen ist. Die Details erspar ich Euch lieber – vorerst. Zudem bewegte sich die Zeit bei Frauchen gerade auf den Supergau zu.

Mittlerweile ist es Sommer geworden und Frauchens erster Geburtstag ohne ihren so innig geliebten Vater steht vor der Tür. „ Papa, wo zum Donner steckst du denn? … Paapaaaa …“. Nein, keine Geburtstagsfeier. Nein, kein Kaffee und Kuchen mit Freunden und „Nein“, auch keine Geschenke. Frauchens Welt schien nur noch aus dem Wort „Nein“ zu bestehen. Bin nur froh, dass sich im Leben nicht alle an das halten was andere so wollen bzw. nicht wollen. Zumindest Frauchens Freunde beschlossen, dass man zusammenkommt und das Beste aus der verfahrenen Situation macht. Selbst dem neuen Hund in Frauchens Leben, schien der Wunsch nach Einsamkeit ziemlich wurscht zu sein. Er begrüßte die ankommenden Gäste freudig überdreht, als würde man sie heiß und innig erwarten. Irgendwann gab sich dann auch Frauchen geschlagen. Trotz Kummer im Herzen, unhöflich wollte sie nun auch nicht sein.

„Ok, ich bin soweit – der Hund kann los zum Gassi gehen.“ …. ??? … Opa? Wo kommst du denn jetzt so plötzlich her? …??? … Gemeinsam versuchten wir nun den armen Hund dazu zu bewegen, die Kaffeerunde so zu nerven, bis mal einer auf die Idee kommt, dass er dringend raus muss. Vom in den Hintern zwicken bis hin zum ins Ohr pusten, alles wurde ausprobiert. Irgendwann hat es dann geklappt. Frauchen nutzte, wie von uns geplant, die Chance der illustren Runde für ein paar Momente zu entfliehen, schnappte sich die Leine und marschierte mit Hund los.

Weit kamen die beiden jedoch nicht. Keine fünf Minuten nachdem sie losgelaufen waren, kam eine dicke fette Regenwolke herbeigezogen … Opa, du bist genial!!!! … und lies dicke Regentropfen fallen. Just in dem Augenblick, in dem sich Frauchen und Hund, wieder auf den Rückweg zum Haus machten, schien plötzlich die Sonne. Na, in der Schule aufgepasst? Genau. Das was da in seinen schönsten Farben quer über unserem Haus zu sehen war, brachte Frauchens trauriges Herz zum Strahlen. Es war der wohl schönste Regenbogen, den die Welt je gesehen hat. „Papa?!“ Was ein Geburtstagsgeschenk. Hollywood begrüßt Opa zu seinem berauschenden Comeback. …Man Opa, du kannst einen aber auch auf die Folter spannen…. Aber manchmal ist es eben wie im Leben auch. Die besonderen Geschenke brauchen Ruhe und Vorbereitungszeit. Seit diesem Geburtstag schickt der Opa immer wieder mal einen Regenbogen, wenn er sich in Erinnerung bringen will. SMS, WhatsApp oder wie das neumodische Hany Zeugs so heißt, gibt`s hier ja nicht auf unserer Seite. Obwohl, ist der E-Mail Erfinder nicht auch schon hier bei uns? ….

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater