Angriffe auf Helfer in Not

Neulich war ein netter Sanitäter vom BRK hilfesuchend bei uns zu Hause in der Villa Geisterbund. Hilfe für Menschen in Notlagen kostet Geld. Deshalb hat er um Mitglieder fürs BRK geworben. Doch das was er uns dann erzählt hat war der Hammer. Sanitäter sollen in Zukunft eine Zusatzausbildung machen, damit sie sich gegen die Angriffe, denen sie während ihrer Einsätze ausgesetzt sind wehren DÜRFEN…????!!!!!…

„Himmelherrgottsakrament!“ …Auweia…Ur-Opa hat einen Tobsuchtsanfall auf seiner Wolke…Da kann nur Groß-Tantchen helfen – die war Krankenschwester…

„Ja, einen ehemaligen Zugführer bei der Feuerwehr nimmt sowas schon sehr mit. Schließlich war er immer im Einsatz um anderen aus Notsituationen zu helfen. Verständlich, dass er sich über die heutigen Zustände mit denen die Retter zu kämpfen haben, immer wieder aufregt. Mir geht es als Krankenschwester auch so, wenn auch nicht ganz so wortstark wie deinem Ur-Opa. Damals zu Kriegszeiten wäre ein so unvernünftig scheinendes Verhalten der Menschen undenkbar gewesen.“

…Was war denn damals anders? Und vor allem warum ist es denn heute so wie es ist? Es muss doch eine logische Erklärung dafür geben, Groß-Tantchen?… „Die gibt es auch mein Lieber. Leider liegt die Ursache dafür in einem Lebensbereich den keiner vermuten würde.“ …Na da bin ich gespannt…

Was früher anders war

Hilfe in Not verbindet der Mensch in seinem Ursprung mit Familie. Die Eltern sind diejenigen auf die ein Neugeborenes im Leben zählt. Egal ob Notsituationen im Alltag oder gesundheitlicher Natur, immer sind es die Eltern von denen man sich beschützt und gut umsorgt fühlt. Je älter man wird umso weiter zieht man diesen beschützenden Kreis, indem man den engsten Familienkreis, die Freunde oder auch Nachbarn mit einbezieht. Das Umfeld in dem man früher groß geworden ist, war auch immer ein Teil der eigenen Familie. Man wuchs auf mit dem Gefühl, dass was auch passiert, immer jemand da ist um zu helfen – egal wer.

Heute ist vieles anders

In der heutigen Zeit geht der Familiensinn immer mehr verloren. Anstelle der Familie, die jedes einzelne Mitglied im Sinn hat, rückt immer mehr der Staat und seine Gesetze in die Beschützerrolle. Das Individuum verschwindet hinter der Allgemeinheit. Der Schutz Aller geht oft auf Kosten des Einzelnen.

Wer sich selbst nicht mehr als der was und wer er ist wahrgenommen fühlt und immer für andere zurückstecken soll, entwickelt nach und nach ein Gefühl der Wertlosigkeit – immer die anderen, aber was ist mit mir? Der natürliche Nährboden für Neid und Missgunst ist geschaffen.

Hilfe basiert auf dem Belohnungsprinzip

Während früher der Spruch „Wer hilft, der wird belohnt.“ zum Alltag gehörte, gilt in heutiger Zeit eher der Spruch „Wer hilft ist am Ende der Dumme.“

In früherer Zeit wurde Helfern in Not ihre Belohnung für die gute Tat in Form von Dankbarkeit, Anerkennung und Wertschätzung ihrer Person entgegengebracht. Auch wenn es für besondere Verdienste ab und an auch schon mal einen Orden gab, legte man den größeren Wert auf den respektvollen Umgang mit den Helfern auch wenn gerade mal niemand in Not war. Ein Gruß oder ein Lächeln war es noch wert den Einsatz, oftmals des eigenen Lebens, zu belohnen.

Doch mit der Zeit hat sich unser Belohnungssystem zu einem Geldsystem entwickelt. Werte müssen sich in barer Münze auszahlen und werden auch in dieser berechnet. Folge daraus: Hilfe ist ein Kostenfaktor und diesen gilt es stetig zu senken. Da müssen die Krankenwägen eben auch länger „halten“ und mehr Freiwillige braucht es auch. Statt Belohnung begegnet man den Helfern mit strikter Abwertung. Vernünftiges Arbeitsmaterial – geht auch billiger. Anerkennung der erbrachten Leistung – Was willst du? Du machst das doch freiwillig. Die Folge daraus ist eine Frage, die sich so manch einer stellt: „Warum soll ich anderen helfen, wenn ich nichts davon habe?“

Doch diese Frage stellen sich nicht nur die freiwilligen Helfer. Zu einem Einsatzort kommen auch die unfreiwilligen Helfer. Das sind z.B. jene Auto- oder LKW-Fahrer, denen das Rettungsfahrzeug den Weg versperrt. „Was ist passiert? Wie lange dauert das denn noch?“ Keinen an der Einsatzstelle kümmern diese Fragen und selbst wenn, hilft keiner bei den Folgen. „Wenn ich nicht pünktlich zur Abladestelle komme muss ich wieder im LKW schlafen und kann nicht nach Hause zu meinen Kindern fahren! Wenn das hier noch länger dauert, komme ich zu spät zur Arbeit – das gibt dann meine dritte Abmahnung vom Chef! Ich schaff es nicht mehr rechtzeitig zum Flughafen – adieu du schwer verdienter Urlaub. Apropos, wer kommt für den finanziellen Schaden auf?“ Nein, Hilfe an der Einsatzstelle in Form von Geduld und Mitgefühl zahlt sich nicht aus. Im Gegenteil es hat nach eigener Einschätzung nur Nachteile.

Aggression trifft immer den, der erreichbar ist

Statt Belohnung zeigt einem die Situation nur wieder wie wenig jeder Einzelne wertgeschätzt wird. Wieder dreht sich die ganze Aufmerksamkeit um andere, wieder soll man für andere zurückstecken. Es wird von jetzt auf gleich von einem Mitgefühl und Respekt für die Situation erwartet, aber für die daraus entstehenden Folgen muss man alleine geradestehen – da hilft dir niemand!

Der Staat macht die Gesetze, die zu unserem aller wohl gedacht sind. Nach diesen richtet sich der, über mein zu spät kommen wütende Chef in Form der dritten Abmahnung. Danach richtet sich der Betrieb mit seinen Arbeitszeiten, der schon geschlossen hat, bis ich mit meinem LKW zum Abladen komme und auch die Fluggesellschaft, mit der ich jetzt nicht mehr in Urlaub fliegen kann, ist Dank Gesetz fein raus. Sie hat kein Verschulden an meiner Verspätung und zahlt mir mein Geld nicht zurück.

Wer sich über längere Zeit alleine, zurückgesetzt, abgewertet und im Stich gelassen fühlt entwickelt Aggressionen. Da reicht manchmal ein kleiner unscheinbarer Anlass um diese Form der Energie zur Explosion zu bringen. Davon getroffen werden anstelle der Politik, der die eigentliche Wut gilt, z.B. die Helfer in Not, die am wenigsten dafürkönnen – schließlich geht es ihnen ähnlich.

Statt ihre Lösungen im Umgang mit der jeweiligen Situation individuell gestalten zu können, werden auch sie von den gut gemeinten und beschützenden Gesetzen ausgebremst. Tja, nur weil man helfen will sollte man nicht vergessen wie leicht man zum Gesetzesbrecher werden kann. Wo früher eine schallende Ohrfeige unpassende Hysterie in null Komma nichts wieder in geordnete Bahnen gelenkt hat, macht man sich heute der Körperverletzung schuldig. Ja auch Helfen ist heutzutage im Großen und Ganzen gesetzlich genau geregelt und erwartet ein dickes Helferfell.

…Da bin ich nur froh, dass man den Sanitätern jetzt durch die Zusatzausbildung die Möglichkeit geben will sich legal gegen Angriffe zur Wehr zu setzen. Immerhin gewinnen sie damit ein bisschen mehr Zeit für ihren Einsatz am in Not geratenen Menschen, denn das Warten auf die Polizei können sie sich dann sparen. Die wiederum wird es freuen, denn sie dürfen laut Gesetz ja auch nicht so individuell eingreifen wie es die Situation erfordern würde.

Was ist nur aus dem geworden was wir doch alle in unseren Herzen wollen – Familie? In der Politik streitet man sich darum ob und unter welchen Bedingungen man überhaupt noch als „Eltern“ zusammenbleiben will und was wird dann aus uns „Kindern“? Wir dürfen gespannt darauf sein, was wir demnächst noch dürfen und vor allem wie. Na super! Was hättet ihr früher in solch einer Situation gemacht Groß-Tantchen? „Das beherzigen was immer schon der beste Weg war.“ …???… „Sind Eltern mit der Familiensituation überfordert, sollten alle Geschwister trotz aller widrigen Umstände zusammenhalten und sich mit ihren individuellen Möglichkeiten gegenseitig unterstützen und helfen. Manchmal genügen schon kleine Gesten wie z.B. „Ok, das kommt jetzt ungelegen, aber wir finden gemeinsam eine Lösung.“  Chef anrufen, Abladestelle bitten ein bisschen länger zu warten oder einen Flug umbuchen – alles scheint einfacher, wenn man nicht alleine ist. Damit funktioniert auch das Belohnungsprinzip wieder und schafft eine entspanntere Situation in der sich die eigentlichen Helfer in Not auf das Helfen konzentrieren können. Tja und so manches Mal hört man dann die Helfer sagen: „Da sollten sich die Eltern aber an ihren Kindern mal ein Beispiel nehmen!“ und das ehrt uns alle und spornt an auch weiterhin zu helfen.“ …Ach Groß-Tantchen wenn ich dich nicht hätte…

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater