Archiv für den Tag: 17. September 2020

Die Resilienz-Filter Erfahrung und Verstehen

Ganz ehrlich, die Sache mit der Erkenntnis ist manchmal verzwickter als man denkt. Da wollte ich das letzte Mal super schlau sein und die erleichternde Variante nutzen – viel gelernt, Unterricht vorbei, ab zur nächsten Brotzeit – und schon flog mir die schmerzvolle Variante der Erkenntnis um die Ohren. Genauer gesagt, trieb sie ihr Unwesen in meinem Bauch. In meiner Erleichterung hab` ich nämlich bei der Brotzeit so viel in mich hineingestopft, dass es in meinem Bauch die ganze Nacht rumort, gezwickt und gezwackt hat. Aufgehört hat das ganze erst, als das was drin war, seinen Weg nach draußen gefunden hatte … wurgs… kein Auge hab` ich zugemacht und mein Hirn hat verzweifelt nach dem Fehler gesucht…

„Hast du ihn gefunden?“ … danke der Nachfrage Großtantchen. Ich denke weniger hastig und nicht ganz so viel auf einmal, wären wohl die bessere Strategie gewesen… „Na, dann bist du ja wieder um eine Erkenntnis reicher.“ … schon, aber mir stellt sich langsam die Frage, was es für einen Sinn macht, wenn man von einer Erkenntnis zur anderen kommt, aber sich im Leben nix ändert – im Gegenteil. Statt mich zu bemitleiden, hat mir Oma eine gehörige Standpauke gehalten. Was mir einfiele, ihr, die gute und teure Fleischwurst, vor die Füße zu spucken und obendrauf damit auch noch ihren Lieblingsteppich zu ruinieren.  Bei dem was ich hier bei euch jetzt schon alles gelernt habe, hätte ich mir das doch ersparen können, statt wieder nur zu einer Erkenntnis zu kommen, oder nicht? Was mache ich falsch?…

„Du machst nichts falsch, Herr Cater. Einzig deine Resilienz-Filter „Erfahrung“ und „Verstehen“ scheinen noch nicht einsatzbereit zu sein.“ … ???… „Gelangst du im Leben zu einer Erkenntnis, ist der erste Schritt auf dem optimalen Weg zu einer guten Entwicklung, diese durch den Filter „Erfahrung“ laufen zu lassen. Dadurch wird dir bewusst, inwieweit es in der Vergangenheit ähnliche Situationen in deinem Leben gab.“ … du meinst wie z.B. zu meinen Lebzeiten, als ich Frauchen so lange genervt habe, bis sie mir auch noch den Rest vom Thunfisch gegeben hat, nur um ihn eine halbe Stunde später mitten aufs Sofa zu spucken?… „Ja und soweit ich das mitbekommen habe, gab es auch damals schon eine heftige Standpauke für dich.“ … stimmt, hab` ich wohl gut verdrängt, aber jetzt wo du es sagst – der gute und teure Thunfisch und das ruinierte Lieblingssofa … „Im zweite Schritt, lässt du diese Erinnerung durch den Filter „Verstehen“ laufen, um deine Wahrnehmung der beiden Situationen zu verfeinern und die Zusammenhänge zu erkennen.“ … in beiden Fällen, geht es um das gute und teure Essen, sowie die Lieblingsdinge derer, die ich mit meiner Gier ruiniert habe. Langsam fang ich an zu verstehen. Mein Wunsch nach einem leckeren Essen, also das was ich wertschätze, stopfe ich möglichst schnell und viel davon in mich hinein. Dabei mache ich mir keine Gedanken über die Folgen, z.B. einen rebellierenden Magen, die das mit sich bringen kann. Auch mache ich mir keine Gedanken darüber, welche Folgen mein rebellierender Magen, für die Werte, z.B. Sofa oder Teppich, von Frauchen oder Oma haben könnte… mmhhh… damit wäre ich dann bei der nächsten Erkenntnis angelangt. Würde ich die Filter „Erfahrung“ und „Verstehen“ vor meinem Handeln besser nutzen, hätte das für meinen Wert, das leckere Essen, einen enormen Vorteil. Ich würde nicht so schlingen und mehr Maß halten, was den Genuss enorm steigern und statt Spuckerei zu einem angenehmen Verdauungsschläfchen führen würde. Das wiederum könnte ich dann ungestraft auf Sofa oder Teppich tun… schnurrrr…

„Genauso ist es. Du siehst, wenn du eine gewonnene Erkenntnis durch die Filter „Erfahrung“ und „Verstehen“ laufen lässt, steht am Ende die Erkenntnis, was du für einen optimalen Weg tun kannst.“ … klingt wie immer einfach und logisch. Aber warum ist das dann im normalen Leben so schwierig? Bis heute fand ich die Handlungs-Variante, „Üble Nacht, Standpauke kassiert, dumm gelaufen aber hoffentlich auch bald vergessen“, wie viele Menschen auch, als unangenehm und doch unvermeidbar – hartes Leben eben…

„Und doch hast du heute gelernt, dass nicht das Leben als solches an deinen Unannehmlichkeiten schuld ist, sondern du selbst. Denn nutzt du die Filter der Resilienz, kannst du dein Handeln optimieren und so, nicht nur deine Werte steigern, sondern auch die, der Gemeinschaft in der du lebst. Der Mensch neigt nur leider dazu, genau wie du, Unangenehmes zu verdrängen, was auf Dauer den Filter „Erfahrung“ verstopft.“ … wie meinst du das?…

„Ein gutes Beispiel dafür, ist die Massentierhaltung und die Menge an im Abfall landenden Lebensmitteln, in der heutigen Zeit. Statt den Tieren und den Lebensmitteln einen Wert beizumessen, gilt der Wert für den Menschen, ihrem möglichst billigen Preis und ihrer allzeit Verfügbarkeit über alle Ländergrenzen hinweg. Einige Menschen kommen zwar zu der Erkenntnis, dass man daran etwas ändern müsste, da dadurch Tiere gequält werden und es genug Menschen gibt, die hungern. Doch diese Erkenntnis allein, bewirkt keine allzu große Änderung im Verhalten der Mehrheit.“ … und woran liegt das?… „Wie in deinem Beispiel auch, wäre der optimale Schritt, diese Erkenntnis erneut durch den Filter „Erfahrung“ laufen zu lassen. Doch die wenigsten haben Erfahrung mit Tierhaltung, dem Anbau von Lebensmitteln oder wirklichem Hunger. Dazu kommt, dass der Mensch dazu neigt, nur eigene Erfahrungen als Wert anzuerkennen. Dadurch kommt die heutige Milch aus dem Einkaufszentrum XY und nicht mehr wie früher von der Kuh Lisa. Die Milch heute, stammt von einem Unternehmen, dass Millionen Gewinne durch die Verbraucher machen will. Milch zählt aber zu den Grundnahrungsmitteln, die müssen billig sein, damit sollte man kein Geschäft machen. So entwertet der Mensch in seiner Wahrnehmung, nicht nur die heutige Milch, sondern auch die Kuh und den Bauern selbst. Was allerdings billig ist, hat ja keinen hohen Wert, also weg damit und morgen neue gekauft. Den teuren Bauern braucht es auch nicht, denn Massentierhaltung macht das ganze billiger und die Menge an Milch lässt sich besser erhöhen, was sie ja auch wieder billiger macht.

Der Mensch früher sah den Wert in der Milch, der Kuh Lisa und dem Bauern bei dem sie lebt. Aber früher, das waren die Groß- und Ur-Großeltern aus lang vergangenen Zeiten. Der heutige Mensch sieht den Wert in der Entwicklung und dem Fortschritt, da verlieren die Erfahrungen und damit das Wissen, der Generationen davor, an Wert. Die Folge: Erfahrungen, die keinen Wert haben, auch weil sie nicht die eigenen sind, nutzt man nicht – ein fataler Fehler, denn so kann man den Filter der „Erfahrung“ nicht optimal für sein Handeln nutzen.“

… das erinnert mich an das, was Ur-Oma neulich gesagt hat. Sie freut sich schon heute auf den Tag, an dem in Notzeiten die Einkaufsläden schließen und keiner mehr Ahnung von Viehzucht und Lebensmittelanbau hat… „Wieso das denn?“ … sie hat mit Ur-Opa eine Wette laufen. Er sagt: „Der Mensch wird hungrig lernen, wie man Tiere hält und Gemüse anbaut.“ Sie sagt: „Während sie sich um die Reste schlagen, verpassen sie die Pflanzzeit und schimpfen über das grausame Leben und den harten Hunger-Winter.“ „Und was machst du?“ … ich lerne von euren Erfahrungen, was mich dazu bringt meine Resilienz – Filter in Schuss zu halten, damit ich es auch in harten Wintern gemütlich habe. Großtantchen?!… „Ja?“ … meinst du es wäre möglich ein Stückchen von deinem Kuchen zu haben? Ich würde so gerne probieren, ob ich das mit langsam und genüsslich auch wirklich verstanden habe… schleck… „Na dann komm üben.“ …schmatz…

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater