Archiv für den Monat: Juli 2020

Der Unterschied zwischen Disziplin und eisernem Willen liegt im Belohnungssystem

Ja, Ur-Opa versteht es durchaus, einem den Mund wässrig zu machen. Mittlerweile hat er mich schon so weit, dass ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich mich auf meine Belohn – Schleckerlies oder das Lernen freue. Naja, folgt man der Logik ist es auch egal, denn am Ende jeder Unterrichtsstunde hab` ich erfahrungsgemäß beides…

„Na, wenn man dich so denken hört, Herr Cater, ist heute wohl der richtige Zeitpunkt gekommen, dir, wie versprochen, den Unterschied zwischen Disziplin und eisernem Willen zu erklären.“ … ist das nicht dasselbe?… „Nein, auch wenn das viele Menschen meinen. In Wahrheit ist er ein Barometer, das dir zeigt, ob du statt für ein Ziel, deine Zeit und Energie hauptsächlich für deine Emotionen verwendest oder für ein Ziel mit deiner Zeit und Energie zielstrebig der Logik folgst.“ … ??? … was soll das jetzt schon wieder bedeuten? … „Ach herrjeh, Herr Cater. Hier hast du ein Leckerlie für die Konzentration.“ … knurps… knurps … danke, ich höre…

„Siehst du, schon hast du etwas über Disziplin gelernt.“ … welchen Haken hab` ich an dem Leckerlie übersehen? … „Keinen. Dinge die du nicht gleich verstehst, machen dich unruhig und nervös. Die Folge daraus ist, dass du in der Situation ein mulmiges Gefühl entwickelst. Das Leckerlie, das du in diesem Moment von mir bekommst, erzeugt bei dir ein gutes Gefühl. Es tauscht sozusagen deine negative Emotion in eine positive, weshalb du dich wieder auf das Zuhören konzentrieren kannst. Auch wenn es bei dir meist nur daran liegt, dass du die Hoffnung hast, es könnte ja noch ein Leckerlie folgen.“ … willst du mich jetzt mit den Löwen im Zirkus vergleichen? … „Ganz so falsch ist der Vergleich nun auch wieder nicht – wenn man von dem Größenunterschied einmal absieht.“ … grrr… „Gut gebrüllt, du Löwe. Hier, bitte.“ … knurps … knurps …

„Disziplin hat in der Hauptsache mit dem Einhalten von Regeln zu tun. Hält man sich an die Regeln, die eine bestimmte Situation erfordert, erreicht man ein vorgegebenes Ziel leichter oder auch schneller. Um dies zu unterstützen, verwenden wir gerne ein Belohnungssystem. Die Löwen bekommen ihr Häppchen Fleisch, für jedes gut ausgeführte Kunststück und du dein Leckerlie fürs Zuhören.“ … und warum fällt es mir dann immer so schwer diszipliniert zu sein, wenn es doch eine Belohnung dafür gibt? … „Weil es im Leben eben nicht immer gleich eine Belohnung gibt. Stell dir einmal vor, der Dompteur beschließt, dass er seine Löwen erst nach der Show belohnt. Bei einem schwierigen Kunststück, fühlt sich ein Löwe unsicher. Er zeigt das, indem er brüllt und mit der Tatze schlägt. Doch es gibt von Seiten des Dompteurs keinen positiven Anreiz für den Löwen. Er sieht die Hand des Dompteurs nicht in die Häppchen Tasche greifen. Das was jetzt passiert ist, dass sich die negativen Emotionen, die der Löwe ohnehin in der Situation schon hat, durch den vermeidlichen Verlust seines Fleischhäppchens, noch verstärken. Was glaubst du, passiert?“ … ist doch klar. Der Löwe wird sauer und greift an… „Genau. Übertragen auf das Leben, bist du der Dompteur und die Löwen stehen für deine Emotionen.“ … das heißt also, dass Disziplin bedeutet, meine Emotionen im Griff zu haben. Fällt es mir schwer diszipliniert zu sein, läuft im Belohnungssystem etwas quer und meine negativen Emotionen torpedieren mein Ziel, mich an die Regeln zu halten…

„Ja. Das ist auch mit ein Grund, warum sich in der momentanen Corona Krise immer mehr Menschen gegen eine Maskenpflicht wehren. Die Maske zu tragen und Abstand zu halten ist eine Regel. Sich daran zu halten, erfordert Disziplin. Das Maskentragen macht vielen Menschen Probleme. Die einen können damit nicht so gut atmen, die anderen finden es umständlich, wieder andere fühlen sich eingeengt oder ihnen fehlt der Lichtblick für ein Ende der Maskenpflicht. All diese Probleme schaffen negative Emotionen. Da es aber scheinbar keine Belohnung für das Maskentragen gibt, verstärken sich, wie im Beispiel der Löwen, die negativen Emotionen und schon ist es vorbei mit der Disziplin.“ … und was ist dann jetzt der Unterschied, wenn man das Ganze mit dem eisernen Willen statt Disziplin angeht? …

„Nun, es muss nicht immer gleich der eiserne Wille sein. Der ist eher der Turbo in extremen Situationen. In nicht ganz so schwierigen Situationen tut es der Wille auch. Während sich die Disziplin hauptsächlich mit dem Einhalten aufgestellter Regeln beschäftigt, richtet der Wille seinen Fokus auf das, was man am Ende durch das Einhalten der Regeln erreichen kann. Für die Maskenpflicht bedeutet das, dass eben solange Maske getragen wird, bis das Ende der Corona Krise erreicht ist, auch wenn es die ein oder anderen Probleme mit sich bringt. Na, eine Idee worin der Unterschied zwischen Disziplin und Wille liegt?“ … mmhhh… ich glaube, der liegt im Belohnungssystem. Die Disziplin braucht Belohnungshäppchen in kurzen Abständen, der Wille kommt länger ohne aus. Aber sag mal Ur-Opa. Woran liegt das? Kennt der Wille keine Emotionen? Oder was macht der, um nicht von den negativen Emotionen torpediert zu werden, wenn es gerade mal nicht so gut läuft?…

„Auch der Wille muss mit Emotionen umgehen. Er hat jedoch gegenüber der Disziplin zwei entscheidende Vorteile. Zum einen sieht er im Erreichen des Ziels auch seine Belohnung, zum anderen hat er gelernt die vorhandenen Emotionen, statt sie zu disziplinieren, geschickt für seine Zwecke zu nutzen.“ … das klingt als kämen wir dem Geheimnis der Resilienz auf die Spur. Da bin ich gespannt. Kann es sein, dass die Fähigkeit zur Resilienz davon abhängt, wie gut man die Sache mit dem Willen beherrscht?… „So ist es. Wie es mit deinem Willen so bestellt ist, werden wir jetzt auch gleich einmal testen.“ … wie denn? … „Brotzeit fällt heute aus. Ich geh` zu meinem Stammtisch und du auf deine Wolke.“ … grrr… und wo bleibt meine Belohnung fürs Lernen? … „Die gibt es in der nächsten Lehrstunde, wenn wir das Geheimnis der Resilienz lüften.“ … mööhhh… aber … „Nix aber!“ … schon gut… pfhhh … Er hat aber nicht gesagt, dass ich auf dem Weg zu meiner Wolke nicht bei Großtantchen auf ein Stück Kuchen vorbeischauen darf … schleck…

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater

Unsere Wahrnehmung. Emotionen engen sie ein, die Logik optimiert sie.

Irgendwie schon seltsam. Da denkst du, dass du als Optimist besser durch die Krisen des Lebens kommst als ein Pessimist und dann kommt Ur-Opa ums Eck und holt dich unsanft aus dem Reich der Träume. Auch der Optimist meistert Krisen nicht besser, solange er sich nicht der Resilienz bedient – er sieht sein Elend nur nicht ganz so schwarz wie der Pessimist. Der Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten ist folglich nichts anderes als die Art und Weise wie beide eine Situation wahrnehmen. Das pessimistische „hab ich`s doch geahnt“ und das optimistische „wieder was gelernt“ färben einzig den Umgang mit dem, was geschehen ist, negativ oder positiv ein. Wenn ich Ur-Opa richtig verstanden habe, hat das jedoch für die aktive Weichenstellung, für die Zukunft, keine direkten Auswirkungen, denn es geht in beiden Fällen nicht um ein aktives Handeln, sondern rein um den Umgang mit den Emotionen. Dabei hat der Optimist die Nase vorn, denn ihm fällt das notwendige Lernen für ein resilientes Handeln, leichter. Bleibt die Frage, warum der Optimist die Sache mit der Resilienz nicht automatisch hinbekommt – bei all dem was er so bereit ist zu lernen?! …

„Weil er nur allzu gern vergisst, sein Wissen auch anzuwenden, Herr Cater.“ … wie meinst du das Ur-Opa? Nutzt man denn Wissen nicht automatisch? Dafür hat man es doch, oder nicht? … „Das sollte man meinen. Die Realität sieht aber oft anders aus. Die meisten nutzen ihr Wissen um ihre Emotionen positiv oder negativ zu färben. Sie besuchen z.B. Kurse oder Vorträge, in denen sie erfahren, wie sie ihr Leben oder auch ihre berufliche Laufbahn positiv beeinflussen können. Die Pessimisten gebrauchen das, was sie dort erfahren, dazu, ihre ohnehin schon negative Einstellung zu festigen. Die einen halten das Erfahrene für nicht umsetzbar und stellen das Lernen ein oder geben nach halbherzigen Versuchen, gleich wieder auf. Negative Emotionen, sind der Motivation eben nicht gerade förderlich. Die Optimisten kommen aus solchen Veranstaltungen eher positiv gestimmt heraus. Sie sind begeistert über das, was sie erfahren haben.“ … aber wenn positive Emotionen die Motivation fördern, müssten die Optimisten doch dann eifrig ihr Wissen anwenden!? Das verstehe ich nicht … „Um das zu verstehen, musst du wissen, dass es, wie bei den Pessimisten, die Lernverweigerer und die Demotivierten, auch zwei Arten von Optimisten gibt.“ … und welche sind das? … „Ich nenne sie gerne die Luftschloßbauer und die Resilienzbegabten. Die Luftschloßbauer nutzen ihr Wissen um ihre Emotionen auf das Positive im Leben zu richten. Sie stellen sich vor, was sie alles im Leben erreichen können und wie glücklich und zufrieden ihre Zukunft aussehen kann. Sie nutzen ihre Motivation zum Lernen. Ihr Motto: je mehr ich lerne, desto positiver wird die Zukunft. Allerdings vergessen sie, dass das beste Wissen nichts nutzt, wenn man es nicht anwendet. Ohne es zu merken, werden sie dadurch zu einer dankbaren Einnahmequelle für alle Trainer, Coaches und Speaker, die heutzutage die Bühnen bevölkern. Mit den Resilienzbegabten ist hingegen nicht viel Geschäft zu machen. Sie motivieren ihr Handeln aus dem Wissen ihrer Erfahrungen und ziehen aus ihrem Handeln neue Erkenntnisse, mit denen sie ihren Wissensstand erhöhen. Indem sie sich ihr Wissen selbst erarbeiten, färben sie auch ihre Emotionen immer wieder positiv ein.“ … das kenne ich. Erfolge machen glücklich und zufrieden… schnurrr…

„Ja. Deshalb ist Resilienz auch immer mit einem Ziel verbunden, während die Luftschloßbauer eher auf ihre Wünsche fixiert sind.“ … du willst mir damit also sagen, dass es bei Resilienz in erster Linie darum geht, meine Motivation auf meine Ziele, statt auf meine Wünsche zu richten?! Aber ist es falsch Wünsche zu haben? … „Natürlich nicht. Allerdings ist das Erreichen von Wünschen eine sehr wankelmütige Angelegenheit. Solange alles gut läuft im Leben – kein Problem. Läuft es aber einmal schlecht, ist die Gefahr groß, dass man den Wunsch schnell wieder verwirft und sich einem anderen, scheinbar leichter erreichbaren Wunsch zuwendet. Damit erhöht sich das Risiko im Leben, nie etwas von dem was man will, zu erreichen. Wünsche sind generell sehr emotionsabhängig, was automatisch eine begrenzte Wahrnehmung für nutzbare Möglichkeiten mit sich bringt. Eine emotional gefärbte Wahrnehmung, filtert die negativen Eindrücke heraus und konzentriert sich in der Hauptsache auf Lösungen, die sich „gut“ anfühlen.“ … und was ist da bei Zielen anders? …

„Ziele sind wissensabhängig und folgen der Logik. Ihr Filter ist nicht emotional, sondern unterteilt lediglich in „leicht“, „mittel“ oder „schwer“. Dadurch erweitert sich die Wahrnehmung für vorhandene Möglichkeiten auf möglichst viele Lösungswege.“ … ach das meinte Ur-Oma damit als ich ihr mein Leid von der fehlenden Fleischwurst für meine Lern – Motivation, geklagt habe… „was hat sie denn gesagt?“ … sie meinte, dass alle Wege nach Rom führen. Ich sollte nur nicht den Fehler machen zu glauben, dass jeder bequem ist und immer und überall auf diesen Wegen die Sonne scheint… „Ja, das klingt nach meiner Frau. Egal wie schwierig ein Weg ist und was er einem abverlangt – Hauptsache er führt zum Ziel. Mit ihren Erfolgen hat sie mir in all den Jahren, so manches Butterbrot geschmiert.“ … armer Ur-Opa… aber wie erreicht man so ein Ausmaß an Disziplin im Leben, wie Ur-Oma? … „Das hat nichts mit Disziplin zu tun, mein Lieber. Das ist Resilienz oder wie der Volksmund sagt, der eiserne Wille.“ … muss ich das jetzt verstehen? … „Heute nicht mehr. Warum es wichtig ist den Unterschied zwischen Disziplin und eisernem Willen zu kennen, erkläre ich dir das nächste Mal. Bis dahin versüßen wir uns den Weg mit einer zünftigen Brotzeit.“ … Ur-Opa, du bist der Beste…

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater