Archiv für den Tag: 9. Juli 2020

Der Unterschied zwischen Disziplin und eisernem Willen liegt im Belohnungssystem

Ja, Ur-Opa versteht es durchaus, einem den Mund wässrig zu machen. Mittlerweile hat er mich schon so weit, dass ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich mich auf meine Belohn – Schleckerlies oder das Lernen freue. Naja, folgt man der Logik ist es auch egal, denn am Ende jeder Unterrichtsstunde hab` ich erfahrungsgemäß beides…

„Na, wenn man dich so denken hört, Herr Cater, ist heute wohl der richtige Zeitpunkt gekommen, dir, wie versprochen, den Unterschied zwischen Disziplin und eisernem Willen zu erklären.“ … ist das nicht dasselbe?… „Nein, auch wenn das viele Menschen meinen. In Wahrheit ist er ein Barometer, das dir zeigt, ob du statt für ein Ziel, deine Zeit und Energie hauptsächlich für deine Emotionen verwendest oder für ein Ziel mit deiner Zeit und Energie zielstrebig der Logik folgst.“ … ??? … was soll das jetzt schon wieder bedeuten? … „Ach herrjeh, Herr Cater. Hier hast du ein Leckerlie für die Konzentration.“ … knurps… knurps … danke, ich höre…

„Siehst du, schon hast du etwas über Disziplin gelernt.“ … welchen Haken hab` ich an dem Leckerlie übersehen? … „Keinen. Dinge die du nicht gleich verstehst, machen dich unruhig und nervös. Die Folge daraus ist, dass du in der Situation ein mulmiges Gefühl entwickelst. Das Leckerlie, das du in diesem Moment von mir bekommst, erzeugt bei dir ein gutes Gefühl. Es tauscht sozusagen deine negative Emotion in eine positive, weshalb du dich wieder auf das Zuhören konzentrieren kannst. Auch wenn es bei dir meist nur daran liegt, dass du die Hoffnung hast, es könnte ja noch ein Leckerlie folgen.“ … willst du mich jetzt mit den Löwen im Zirkus vergleichen? … „Ganz so falsch ist der Vergleich nun auch wieder nicht – wenn man von dem Größenunterschied einmal absieht.“ … grrr… „Gut gebrüllt, du Löwe. Hier, bitte.“ … knurps … knurps …

„Disziplin hat in der Hauptsache mit dem Einhalten von Regeln zu tun. Hält man sich an die Regeln, die eine bestimmte Situation erfordert, erreicht man ein vorgegebenes Ziel leichter oder auch schneller. Um dies zu unterstützen, verwenden wir gerne ein Belohnungssystem. Die Löwen bekommen ihr Häppchen Fleisch, für jedes gut ausgeführte Kunststück und du dein Leckerlie fürs Zuhören.“ … und warum fällt es mir dann immer so schwer diszipliniert zu sein, wenn es doch eine Belohnung dafür gibt? … „Weil es im Leben eben nicht immer gleich eine Belohnung gibt. Stell dir einmal vor, der Dompteur beschließt, dass er seine Löwen erst nach der Show belohnt. Bei einem schwierigen Kunststück, fühlt sich ein Löwe unsicher. Er zeigt das, indem er brüllt und mit der Tatze schlägt. Doch es gibt von Seiten des Dompteurs keinen positiven Anreiz für den Löwen. Er sieht die Hand des Dompteurs nicht in die Häppchen Tasche greifen. Das was jetzt passiert ist, dass sich die negativen Emotionen, die der Löwe ohnehin in der Situation schon hat, durch den vermeidlichen Verlust seines Fleischhäppchens, noch verstärken. Was glaubst du, passiert?“ … ist doch klar. Der Löwe wird sauer und greift an… „Genau. Übertragen auf das Leben, bist du der Dompteur und die Löwen stehen für deine Emotionen.“ … das heißt also, dass Disziplin bedeutet, meine Emotionen im Griff zu haben. Fällt es mir schwer diszipliniert zu sein, läuft im Belohnungssystem etwas quer und meine negativen Emotionen torpedieren mein Ziel, mich an die Regeln zu halten…

„Ja. Das ist auch mit ein Grund, warum sich in der momentanen Corona Krise immer mehr Menschen gegen eine Maskenpflicht wehren. Die Maske zu tragen und Abstand zu halten ist eine Regel. Sich daran zu halten, erfordert Disziplin. Das Maskentragen macht vielen Menschen Probleme. Die einen können damit nicht so gut atmen, die anderen finden es umständlich, wieder andere fühlen sich eingeengt oder ihnen fehlt der Lichtblick für ein Ende der Maskenpflicht. All diese Probleme schaffen negative Emotionen. Da es aber scheinbar keine Belohnung für das Maskentragen gibt, verstärken sich, wie im Beispiel der Löwen, die negativen Emotionen und schon ist es vorbei mit der Disziplin.“ … und was ist dann jetzt der Unterschied, wenn man das Ganze mit dem eisernen Willen statt Disziplin angeht? …

„Nun, es muss nicht immer gleich der eiserne Wille sein. Der ist eher der Turbo in extremen Situationen. In nicht ganz so schwierigen Situationen tut es der Wille auch. Während sich die Disziplin hauptsächlich mit dem Einhalten aufgestellter Regeln beschäftigt, richtet der Wille seinen Fokus auf das, was man am Ende durch das Einhalten der Regeln erreichen kann. Für die Maskenpflicht bedeutet das, dass eben solange Maske getragen wird, bis das Ende der Corona Krise erreicht ist, auch wenn es die ein oder anderen Probleme mit sich bringt. Na, eine Idee worin der Unterschied zwischen Disziplin und Wille liegt?“ … mmhhh… ich glaube, der liegt im Belohnungssystem. Die Disziplin braucht Belohnungshäppchen in kurzen Abständen, der Wille kommt länger ohne aus. Aber sag mal Ur-Opa. Woran liegt das? Kennt der Wille keine Emotionen? Oder was macht der, um nicht von den negativen Emotionen torpediert zu werden, wenn es gerade mal nicht so gut läuft?…

„Auch der Wille muss mit Emotionen umgehen. Er hat jedoch gegenüber der Disziplin zwei entscheidende Vorteile. Zum einen sieht er im Erreichen des Ziels auch seine Belohnung, zum anderen hat er gelernt die vorhandenen Emotionen, statt sie zu disziplinieren, geschickt für seine Zwecke zu nutzen.“ … das klingt als kämen wir dem Geheimnis der Resilienz auf die Spur. Da bin ich gespannt. Kann es sein, dass die Fähigkeit zur Resilienz davon abhängt, wie gut man die Sache mit dem Willen beherrscht?… „So ist es. Wie es mit deinem Willen so bestellt ist, werden wir jetzt auch gleich einmal testen.“ … wie denn? … „Brotzeit fällt heute aus. Ich geh` zu meinem Stammtisch und du auf deine Wolke.“ … grrr… und wo bleibt meine Belohnung fürs Lernen? … „Die gibt es in der nächsten Lehrstunde, wenn wir das Geheimnis der Resilienz lüften.“ … mööhhh… aber … „Nix aber!“ … schon gut… pfhhh … Er hat aber nicht gesagt, dass ich auf dem Weg zu meiner Wolke nicht bei Großtantchen auf ein Stück Kuchen vorbeischauen darf … schleck…

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater