Archiv für den Monat: April 2020

Der Turmbau zu Babel oder Krisen haben eine wichtige Lehrfunktion

Keine Ahnung wie es Euch geht, aber ich habe die Befürchtung, dass obwohl ich bis jetzt viel gelernt habe, es noch das ein oder andere gibt, was ich daran noch nicht so ganz verstanden habe. Wenn, wie unser Herr Pfarrer sagt, die einzelnen Glaubensrichtungen wie unterschiedliche Sprachen sind, warum gibt es dann nicht so eine Art „Amtsglaube“, der für alle verständlich ist? Damit sich die Menschen aus verschiedenen Ländern untereinander verständigen können, gibt es ja auch die Amtssprache Englisch …!? … Eine unruhige Nacht bereitet hat mir auch die Frage: Was hat das, was wir hier lernen, überhaupt man der momentanen Lage, der Corona Krise, zu tun?…

„Mehr als du denkst Herr Cater.“ … ach und was bitte schön, Großonkelchen? … „Alles schon einmal dagewesen.“ … sag jetzt nicht, dass es in dem großen Bibelbuch auch darüber eine Geschichte gibt!? … „Gibt es mein Lieber. Genesis 11,1 – 11,9 Der Turmbau zu Babel.“ … na super, was hat der Bau eines Turms jetzt wieder mit der Corona Pandemie zu tun? Ist das nicht ein bisschen sehr weit hergeholt? … „Nein. Denn wenn sie sich auch nicht direkt auf den Virus bezieht, erklärt sie uns doch, warum uns dieser so sehr aus der Bahn wirft. Auch zeigt die Bibelgeschichte, weshalb der Mensch selbst mit, wie du es formulierst, einem Amtsglauben, nicht erkennt, was für ein gutes Leben wichtig ist.“ … ??? …

„In der Geschichte heißt es, dass alle Menschen eine Sprache und dieselben Worte hatten. Zuerst wollten sie eine Stadt bauen und danach einen Turm, dessen Spitze bis in den Himmel reicht und mit dem sie sich einen Namen machen. Als Gott sah, dass ihnen nichts mehr unmöglich sein würde, was immer sie sich zu tun vornehmen, verwirrte er ihre Sprache und zerstreute sie in die Welt. Da ließen die Menschen davon ab, die Stadt zu bauen.“ … versteh` ich nicht. Gerade dann, wenn der Mensch einmal was gemeinsam und in schöner Einigkeit macht, findet Gott das nicht gut. Dabei könnten wir doch gerade jetzt in der Corona Krise eine Gemeinsamkeit aller dringend brauchen um z.B. die Wirtschaft aufrecht zu erhalten …

„Da hast du schon Recht, Herr Cater. Allerdings hast du, wie die Menschen aus der Bibelgeschichte, das Wesentliche nicht verstanden.“ … dann erklär` es mir bitte … „Übertragen auf unsere Zeit, meint die Geschichte folgendes: Wir haben, trotz unterschiedlicher Religionen, die alle unser Wissen über das Leben, über lange Zeiträume hinweg erhalten, eine Art gemeinsamer Sprache gefunden. Sie trägt den Namen „Wissenschaft“ und „Forschung“. Mit ihrer Hilfe können wir eine Stadt bauen. Das heißt im übertragenen Sinne, dass wir durch das Wissen, das wir haben, in der Lage sind unser Überleben zu sichern – Symbol dafür ist der Bau der Stadt, in der Bibelgeschichte. Allerdings erwerben wir durch Wissenschaft und Forschung auch die Möglichkeit, vieles zu erreichen, dass auf den ersten Blick unmöglich erscheint. Unser Wissen dient dann aber nicht mehr „nur“ der Lebenssicherung. Die Bibel spricht davon, sich mit dem Turmbau einen Namen zu machen. In unserer heutigen Zeit, bedeutet das in erster Linie, dass wir mit dem, womit wir uns einen Namen machen, Geld verdienen wollen. Das wäre auch weiter nicht verwerflich, wenn wir das nicht mit Dingen tun würden, die mit der Grundsicherung des Lebens nichts zu tun haben – Symbol dafür ist der Turm, der bis in den Himmel reicht. Was Gott, in der Bibelgeschichte an dem, was der Mensch erreichen will, nicht gefällt ist, dass er die Stadt nur bauen will um sich mit dem Turm einen Namen zu machen. Übertragen auf unsere heutige Zeit, bedeutet das: Wir vernachlässigen für das, was wir erreichen wollen, das, was uns unser Leben sichert.“ … wenn ich dich jetzt richtig verstanden habe, Großonkelchen, sind wir mit dieser Erkenntnis, geradewegs bei der Ursache der aktuellen Corona Krise angekommen…

„Richtig. Es ist nicht der Virus an sich, der uns heute die Schwierigkeiten bereitet, sondern die Tatsache, dass wir über unser Streben nach Fortschritt, die Grundstruktur unseres Überlebens, vernachlässigt haben. Das Normale wird im Fortschritt und seinen Werten, nur allzu oft zum Banalen ohne Wert, bis uns das Leben eines Besseren belehrt. Ja, auch Katastrophen haben ihren Sinn im Leben.“ … ich sehe schon. Ein zorniger Gott ist, im wahren Leben, oft wie ein wütendes Frauchen – Umdenken in Sachen Werten ist gefragt! Hätt` ich das mal lieber schon zu meinen Lebzeiten verstanden. Ein über meine Unordnung schimpfendes Frauchen, wollte mir nur den Wert meiner Spielmäuse wieder in Erinnerung bringen. Doch statt umzudenken, war ich beleidigt und genervt, weil mich das Aufräumen von so vielen anderen interessanten Sachen abhielt. Erst der Spielmäuse fressende Staubsauger, hat mich erkennen lassen, wie wertvoll sie für mich sind – da war es dann aber zu spät.

Ganz ähnlich ist es mit unserem Gesundheitssystem und der Corona Krise. Statt die vielen kleinen Krankenhäuser, die es einmal gab, wertzuschätzen, wurden sie aufgrund angeblicher Unwirtschaftlichkeit geschlossen. Oder sollte man sagen, „dem Fortschritt der exzellenten Medizin“, geopfert. Ja, der Corona Virus hat ein bisschen was von einem Spielmäuse fressenden Staubsauger. Er zeigt wie wertvoll die kleinen Krankenhäuser waren, wenn es darum geht, in Krisenzeiten genug Betten für Kranke zu haben. Er zeigt uns aber auch, dass hätten wir erst dafür gesorgt, dass die Krankenhäuser erhalten und das Pflegepersonal ein wertschätzendes Gehalt bekommen hätte, bevor wir zu einer exzellenten Medizin übergegangen wären, wir das heutige „es fehlen Betten und Personal Caos“ nicht hätten. Vielleicht ein guter Zeitpunkt sich Gedanken darüber zu machen, ob man sich nach der Krise nicht doch für den Wiederaufbau der alten Krankenhäuser und eine Gehaltserhöhung für das Pflegepersonal einsetzen sollte. Ich für meinen Teil lauf` jetzt los und trotz dem Staubsauger, mit Hilfe von Frauchen, meine alten Spielmäuse wieder ab … und weil ich was gelernt hab` räum ich sie auch gleich auf…

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater

Religionen sind Sprachen, die das Wissen über das Leben, durch lange Zeiträume hinweg, beschützen

Na super. Kaum glaubt man was verstanden zu haben, holt einen die Gier wieder ein. Wovon ich rede? Da hab` ich das letzte Mal einen auf Streber gemacht und freiwillig im großen Bibelbuch nach der passenden Geschichte für den Unterricht mit Großonkelchen gesucht, all seine Fragen richtig beantwortet, hab` verstanden, dass ich nicht aufgrund der Erbsünde auf meiner Wolke sitze und dann das. Mein Hunger hat sich gemeldet, ich bin losgelaufen und zack, hatte sie mich wieder am Schlafittchen, diese doofe Gier. Diesmal in Gestalt von Frauchens Donnerwetter. Statt stolz auf mich zu sein, hat sie mich doch tatsächlich gefragt, ob ich seit Neuestem eine Art Bibelstunde veranstalte. Abgemacht war, dass alle Menschen, egal woher sie auf der Welt kommen und welchen Glauben sie haben, bei uns für ein gutes Leben lernen können. Zugegeben, wäre ich meinem Hunger nicht sofort gefolgt und hätte mir die Zeit genommen, über den klugen Menschen, der die Bibelgeschichte geschrieben hat, ein paar Minuten länger nachgedacht, wäre mir diese Unstimmigkeit sicher auch aufgefallen. Hat einer von Euch eine Idee, wie sich das Problem jetzt lösen lässt, bevor Frauchen uns den Unterricht hier streicht? Gerade jetzt, wo ich endlich Spaß am Lernen habe … mööhh …

„Na, na, Herr Cater. Wenn dir sonst was wichtig ist, gibst du doch auch nicht gleich auf.“ … oh, hallo Herr Pfarrer… „Nimm dir mal ein Beispiel an deinen Lesern.“ … ??? … „Die kommen aus über neun Ländern und nicht jeder von ihnen spricht Deutsch. Trotzdem lernen sie fleißig mit dir mit.“ … ??? … „Sie kopieren deine Geschichten in den Übersetzer, auch wenn der Text dadurch ab und zu ein wenig holprig wird und schon sind sie mit dir am Lernen.“ … schön und wie komme ich jetzt von meinen pfiffigen Lesern zur Lösung des Bibelproblems? …

„Indem du zurückgehst zu den klugen Menschen, die die Schöpfungsgeschichte geschrieben haben.  Sie wollten, dass ihr Wissen, über einen langen Zeitraum hinweg, viele Menschen erreicht und erhalten bleibt. Deshalb erschufen sie mit den Geschichten der Genesis Bilder, die in den sich verändernden Zeiten, immer noch verstanden werden können.“ … ja aber wenn die Genesis so bedeutend für unser Wissen ist, wozu braucht es dann so viele unterschiedliche Religionen? Reicht da nicht eine für alle? … „Das wollte dein Frauchen, früher im Religionsunterricht auch schon von mir wissen.“ … und? Welche Antwort hat sie bekommen? … „Mit den unterschiedlichen Religionen ist es wie mit den verschiedenen Sprachen. Je nachdem, in welcher Region der Welt, eine Menschengruppe lebt, sind die Lebensgrundlagen andere. Dadurch haben alle eine unterschiedliche Sicht auf die Welt und ihr Überleben. Sie sind wie spezielle Teile in der Gemeinschaft des Ganzen.“ … so wie bei meinen Lesern. Sie lesen alle den gleichen Text, auch wenn die Sprache, in die sie ihn übersetzen, unterschiedlich ist… „Genau. Mit der Konsequenz, dass sie für so manches Wort, dass der Übersetzer nicht eins zu eins übertragen kann, durch eine, in der jeweiligen Sprache gebräuchliche, Variante abändern müssen, um den Inhalt des Textes besser zu verstehen.“ … deswegen gibt es auch unterschiedliche Religionen? … Ja, denn betrachtest du z.B. die sieben Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus, Daoismus), beinhalten alle, je nach Region, in der sie entstanden sind, eine Art Schöpfungsgeschichte. Bei uns, die wir überwiegend christlich ausgerichtet sind, nennt sie sich Genesis.“ … aber wenn das Grundwissen, das allen Religionen zugrunde liegt, für alle gleich ist, warum kriegen sich dann die Anhänger der einzelnen Religionen immer in die Wolle, bis hin zu Glaubenskriegen?… „Weil sie ihr Wissen nicht verstanden haben!“ … ??? …

Egal ob man in den verschiedenen Religionen z.B. von Gott, Jahweh, Allah, Buddha oder Konfuzius spricht, alle sind Sinnbild des Wissens über die Welt, nur eben in verschiedenen Betrachtungsweisen. Jeder hält seine Betrachtungsweise für die einzig wahre. Um das ihr zugrunde liegende Wissen zu schützen, glaubt der Mensch, es sei wichtig die jeweilige Religion zu schützen. Folge ist die Missionierung anders Gläubiger durch Überzeugung, mit Gewalt oder auch durch Verfolgung. Die Ironie dieses Handelns liegt in der Erkenntnis, dass der Mensch bereit ist Leben zu opfern um die Verpackung des Wissens zu schützen – den Glauben. Damit zeigt er aber gleichzeitig, dass er den Inhalt nicht verstanden hat. Doch gerade der Inhalt birgt den Weg, ein gutes Leben für alle zu führen.“

… klingt logisch. Gibt es da auch ein Beispiel aus dem Alltag, um die Sache mit Inhalt und Verpackung zu verstehen? … „1942 begann mein Dienst als Kriegspfarrer. Meine Aufgabe war es, in Paris-Fresnes, dem größten Gefängnis Europas während der deutschen Besatzungszeit, die Gefangenen, christlichen Glaubens, geistlich zu betreuen und viele bis zur Hinrichtung zu begleiten. Die Gefangenen jüdischen Glaubens wurden von Rabbinern begleitet. Bis dahin geht es um die Verpackung. Eines Tages wurde ich von einem Kriegsgericht der Waffen-SS geholt, um mit zwei jungen Franzosen jüdischen Glaubens ihren letzten Gang zu gehen, da es keinen Rabbiner mehr gab. Auf Bitten des einen Verurteilten, gab ich beiden meinen Beistand auf ihrem letzten Weg.“ … hier geht es um den Inhalt… „Ja. Denn auf einem schweren Weg kommt es einzig auf das Verstehen, Beistehen, die Akzeptanz, Nähe und Liebe an. Was zählt ist nicht der Stolz auf den Teil, aus dem wir kommen, sondern die Erkenntnis, dass wir nur als Gemeinschaft aus der Fülle des Ganzen schöpfen können.“

… mmmhh… hat ein bisschen den Hauch von Wolkenbewohner, Herr Cater und lebende Leut`. Egal aus welchem Teil des Lebens einer, von uns allen, sein Wissen dazugibt – gemeinsam werden wir es schon schaffen das Rätsel „Leben“ zu lösen. Auf einem guten Weg sind wir ja schon… schnüff … Zeit für eine Zwischenstation … Oma macht Essen…

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater