Archiv für den Tag: 30. April 2020

Das Maß der eigenen Handlung bestimmt über die Freiheit

Na super. Da will man Opa helfen seinen Bauchumfang zu reduzieren und schon zappelt man in Omas festen Griff … grrrr … und alles wegen eines Stückchens stibitzten Kuchens … Vögel darf ich nicht fangen und selbst der Kuchen wird mir nicht gegönnt … mööhhh … wie? Ich soll auf meiner Wolke bleiben und über meine Sünden nachdenken? Das grenzt ja schon an Freiheitsberaubung. Leute ich sag`s Euch. Noch nicht mal auf seiner Wolke hat man seine Freiheit – irdischer Hausarrest lässt grüßen … pfhhh … „Jetzt übertreibst du aber, Herr Cater.“ … nein Ur-Opa, so muss ich mich nicht behandeln lassen, auch nicht von Oma! Kannst du mir nicht helfen? … „Bei deinem Wolkenarrest eher nicht, aber beim Nachdenken schon.“ … toll, langsam verstehe ich, warum die Menschen von der Corona Krise so genervt sind. Die leiden am klassischen Hausarrest-Syndrom. Kontaktsperre mit Ausgangsverbot, trotz gleichzeitiger Pflicht weiter zu arbeiten und zu lernen. Bringen wir es hinter uns Ur-Opa. Was gibt es an meinem Corona-Oma-Hausarrest zu lernen? …

„Nennen wir deine heutige Lektion mal: Wer in besten Absichten zu schnell zu viel will, riskiert am Ende sein gutes Leben.“ … und wo kommt da Oma vor? Die hat mir doch den Hausarrest eingebrockt – der Kuchen hat mich nicht dazu verdonnert… „Das waren weder Oma noch der Kuchen. Es war deine Gier!“ … jetzt bin ich wieder schuld … mööhhh … „Nein, du hast nur noch nicht verstanden, wie deine Handlungen dein Leben beeinflussen. Das kannst du aber lernen.“ … prima, ich bin ganz Ohr …

„Deine Idee, deinem Opa zu helfen, indem du ihm beim Kuchen essen hilfst, war nicht falsch. Von seinem Teller gönnt er dir gerne was. Doch dein Handeln, indem du das „Stückchen“ Kuchen gleich von Omas ganzem Kuchen nimmst, hat dich über das gute Ziel hinausschießen lassen. Ganz nach dem Motto: beim ganzen Kuchen ist das kleine Stückchen ein bisschen größer als das auf Opas Teller.“ … verstehe. Geduldig abwarten, bis ich mit dem kleinen Stück von Opas Teller zufrieden sein kann, ist am Schluss mehr, als ohne Kuchen auf meiner Wolke fest zu sitzen. Aber was ist denn jetzt an dem Corona-Krisen Hausarrest schuld? Wenn mir Oma die Suppe nicht eingebrockt hat, scheinen es Frau Merkel und ihre Länderchefs dann ja auch nicht zu sein!? …

„So ist es. Wie bei dir liegt das an den Menschen und ihrem Handeln, mit dem sie, wenn auch in besten Absichten, nur allzu oft übers Ziel hinausschießen. Wie du beklagen sie, konfrontiert mit den Folgen, den Verlust ihrer (Entscheidungs-) Freiheit, statt über die Ursachen, die zur Einschränkung geführt haben, nachzudenken.“ … du meinst also damit, dass wenn ich bei meiner Opa Hilfsaktion verstanden hätte, dass ich den anderen Familienmitgliedern geschadet habe, als ich das Stück vom großen Kuchen haben wollte, hätte ich eher auf Opas Stück gewartet? … „Ja, denn seit du dein Unwesen im großen Kuchen getrieben hast, hat keiner mehr was vom Kuchen.“ … soll heißen, mein Recht auf Freiheit ist nur dann etwas positives, solange es der Gemeinschaft in der ich lebe, nicht schadet. Der Wolkenarrest, auch wenn er meine Freiheit einschränkt, trägt dann dazu bei, dass Oma Zeit hat, in Ruhe, einen neuen Kuchen für alle zu backen. Hat Opa sein Stück auf seinem Teller, kann ich ihm dann auch helfen, ohne den anderen zu schaden. Aber ist meine Kuchen Krise nicht ein bisschen banal, entgegen der Corona Krise? … „Auf den ersten Blick vielleicht schon. Aber unterm Strich geht es in beiden Krisen darum, zu verstehen, was Freiheit eigentlich ist.“ … jetzt bin ich gespannt …

„Freiheit ist für uns die Verbindung von Bewegungs- und Handlungsfreiheit. In guten Zeiten bedeutet das, dass wir überall hin gehen und reisen können. Wir können beruflich und privat tun, was uns gefällt und dadurch viel im Leben erreichen, unsere Wünsche erfüllen und ein für uns angenehmes Leben führen. In Zeiten einer Krise aber, kann die Freiheit ganz schnell zum Bumerang werden. Denn das Bestehen auf die Freiheit des Einzelnen wird dann für das Wohl der Gemeinschaft zur Gefahr. Ohne die Gemeinschaft jedoch ist die Freiheit des Einzelnen nutzlos.“ … wenn ich dir so zuhöre, erinnert mich das Ganze an das Dilemma der Menschen in der Geschichte des „Turmbau zu Babel“. Die Freiheit des Einzelnen klingt wie der Turmbau. Ohne ihre Freiheit, wollten die Menschen aber keine Stadt mehr bauen, denn der Turmbau ging ihnen über alles – so wie uns heute, unsere Freiheit. Damals wie heute, haben wir nicht verstanden, dass der Wert der Freiheit darin liegt, in Krisenzeiten auch einmal eigene Wünsche hintenanzustellen, zum Wohl der Gemeinschaft – was wohl der Stadtbau in der Geschichte symbolisiert.

Jetzt hab` ich auch endlich den Spruch von Ur-Oma neulich, mit dem Wald und den Bäumen, richtig kapiert. Der Wald ist die Gemeinschaft und die Bäume sind die Einzelnen. Wenn ich den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe, bedeutet das, dass ich etwas sehr Wichtiges in meinem Handeln übersehen habe. Schütze ich, in einer Krise, mit freiwilliger Beschränkung meinerseits, die Gemeinschaft (Wald), schütze ich mich selbst (Baum). Je früher ich das mit meinem Handeln tue, desto schneller kann ich meine Freiheit wieder für meine Wünsche und Ziele nutzen. Fazit: Bei sich ankündigenden Pandemien nicht zuerst an die eigene Urlaubsreise denken, sondern auch mal vorsorglich zu Hause oder zumindest im eigenen Land bleiben, Ausgangsbeschränkungen und Abstandsregeln peinlichst genau befolgen und beim Einkaufen Mundschutz tragen, trägt zum Erhalt der Freiheit aller bei. Freiwillig das Richtige tun, auch wenn man sich dafür einschränken muss, erspart eine Menge Verbote. Ich hab` meine Lektion gelernt. In Zukunft lass ich schön brav die Pfoten vom großen Kuchen und genieße meine Freiheit auf Opas Teller…

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater