Archiv für den Tag: 2. April 2020

Religionen sind Sprachen, die das Wissen über das Leben, durch lange Zeiträume hinweg, beschützen

Na super. Kaum glaubt man was verstanden zu haben, holt einen die Gier wieder ein. Wovon ich rede? Da hab` ich das letzte Mal einen auf Streber gemacht und freiwillig im großen Bibelbuch nach der passenden Geschichte für den Unterricht mit Großonkelchen gesucht, all seine Fragen richtig beantwortet, hab` verstanden, dass ich nicht aufgrund der Erbsünde auf meiner Wolke sitze und dann das. Mein Hunger hat sich gemeldet, ich bin losgelaufen und zack, hatte sie mich wieder am Schlafittchen, diese doofe Gier. Diesmal in Gestalt von Frauchens Donnerwetter. Statt stolz auf mich zu sein, hat sie mich doch tatsächlich gefragt, ob ich seit Neuestem eine Art Bibelstunde veranstalte. Abgemacht war, dass alle Menschen, egal woher sie auf der Welt kommen und welchen Glauben sie haben, bei uns für ein gutes Leben lernen können. Zugegeben, wäre ich meinem Hunger nicht sofort gefolgt und hätte mir die Zeit genommen, über den klugen Menschen, der die Bibelgeschichte geschrieben hat, ein paar Minuten länger nachgedacht, wäre mir diese Unstimmigkeit sicher auch aufgefallen. Hat einer von Euch eine Idee, wie sich das Problem jetzt lösen lässt, bevor Frauchen uns den Unterricht hier streicht? Gerade jetzt, wo ich endlich Spaß am Lernen habe … mööhh …

„Na, na, Herr Cater. Wenn dir sonst was wichtig ist, gibst du doch auch nicht gleich auf.“ … oh, hallo Herr Pfarrer… „Nimm dir mal ein Beispiel an deinen Lesern.“ … ??? … „Die kommen aus über neun Ländern und nicht jeder von ihnen spricht Deutsch. Trotzdem lernen sie fleißig mit dir mit.“ … ??? … „Sie kopieren deine Geschichten in den Übersetzer, auch wenn der Text dadurch ab und zu ein wenig holprig wird und schon sind sie mit dir am Lernen.“ … schön und wie komme ich jetzt von meinen pfiffigen Lesern zur Lösung des Bibelproblems? …

„Indem du zurückgehst zu den klugen Menschen, die die Schöpfungsgeschichte geschrieben haben.  Sie wollten, dass ihr Wissen, über einen langen Zeitraum hinweg, viele Menschen erreicht und erhalten bleibt. Deshalb erschufen sie mit den Geschichten der Genesis Bilder, die in den sich verändernden Zeiten, immer noch verstanden werden können.“ … ja aber wenn die Genesis so bedeutend für unser Wissen ist, wozu braucht es dann so viele unterschiedliche Religionen? Reicht da nicht eine für alle? … „Das wollte dein Frauchen, früher im Religionsunterricht auch schon von mir wissen.“ … und? Welche Antwort hat sie bekommen? … „Mit den unterschiedlichen Religionen ist es wie mit den verschiedenen Sprachen. Je nachdem, in welcher Region der Welt, eine Menschengruppe lebt, sind die Lebensgrundlagen andere. Dadurch haben alle eine unterschiedliche Sicht auf die Welt und ihr Überleben. Sie sind wie spezielle Teile in der Gemeinschaft des Ganzen.“ … so wie bei meinen Lesern. Sie lesen alle den gleichen Text, auch wenn die Sprache, in die sie ihn übersetzen, unterschiedlich ist… „Genau. Mit der Konsequenz, dass sie für so manches Wort, dass der Übersetzer nicht eins zu eins übertragen kann, durch eine, in der jeweiligen Sprache gebräuchliche, Variante abändern müssen, um den Inhalt des Textes besser zu verstehen.“ … deswegen gibt es auch unterschiedliche Religionen? … Ja, denn betrachtest du z.B. die sieben Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus, Daoismus), beinhalten alle, je nach Region, in der sie entstanden sind, eine Art Schöpfungsgeschichte. Bei uns, die wir überwiegend christlich ausgerichtet sind, nennt sie sich Genesis.“ … aber wenn das Grundwissen, das allen Religionen zugrunde liegt, für alle gleich ist, warum kriegen sich dann die Anhänger der einzelnen Religionen immer in die Wolle, bis hin zu Glaubenskriegen?… „Weil sie ihr Wissen nicht verstanden haben!“ … ??? …

Egal ob man in den verschiedenen Religionen z.B. von Gott, Jahweh, Allah, Buddha oder Konfuzius spricht, alle sind Sinnbild des Wissens über die Welt, nur eben in verschiedenen Betrachtungsweisen. Jeder hält seine Betrachtungsweise für die einzig wahre. Um das ihr zugrunde liegende Wissen zu schützen, glaubt der Mensch, es sei wichtig die jeweilige Religion zu schützen. Folge ist die Missionierung anders Gläubiger durch Überzeugung, mit Gewalt oder auch durch Verfolgung. Die Ironie dieses Handelns liegt in der Erkenntnis, dass der Mensch bereit ist Leben zu opfern um die Verpackung des Wissens zu schützen – den Glauben. Damit zeigt er aber gleichzeitig, dass er den Inhalt nicht verstanden hat. Doch gerade der Inhalt birgt den Weg, ein gutes Leben für alle zu führen.“

… klingt logisch. Gibt es da auch ein Beispiel aus dem Alltag, um die Sache mit Inhalt und Verpackung zu verstehen? … „1942 begann mein Dienst als Kriegspfarrer. Meine Aufgabe war es, in Paris-Fresnes, dem größten Gefängnis Europas während der deutschen Besatzungszeit, die Gefangenen, christlichen Glaubens, geistlich zu betreuen und viele bis zur Hinrichtung zu begleiten. Die Gefangenen jüdischen Glaubens wurden von Rabbinern begleitet. Bis dahin geht es um die Verpackung. Eines Tages wurde ich von einem Kriegsgericht der Waffen-SS geholt, um mit zwei jungen Franzosen jüdischen Glaubens ihren letzten Gang zu gehen, da es keinen Rabbiner mehr gab. Auf Bitten des einen Verurteilten, gab ich beiden meinen Beistand auf ihrem letzten Weg.“ … hier geht es um den Inhalt… „Ja. Denn auf einem schweren Weg kommt es einzig auf das Verstehen, Beistehen, die Akzeptanz, Nähe und Liebe an. Was zählt ist nicht der Stolz auf den Teil, aus dem wir kommen, sondern die Erkenntnis, dass wir nur als Gemeinschaft aus der Fülle des Ganzen schöpfen können.“

… mmmhh… hat ein bisschen den Hauch von Wolkenbewohner, Herr Cater und lebende Leut`. Egal aus welchem Teil des Lebens einer, von uns allen, sein Wissen dazugibt – gemeinsam werden wir es schon schaffen das Rätsel „Leben“ zu lösen. Auf einem guten Weg sind wir ja schon… schnüff … Zeit für eine Zwischenstation … Oma macht Essen…

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater