Archiv für den Tag: 7. November 2019

Die Villa Geisterbund – der Tod

Mit den Augen der Bergsteigerlegende Reinhold Messner betrachtet, ist der Tod eine „relative Selbstverständlichkeit“. Für mich und meine Mitbewohner wie Opa oder Ur-Oma in unserer Villa Geisterbund-WG ist der Tod eine nicht unveränderbare Tatsache, für Frauchen ist es mittlerweile spannend gewordene Normalität, doch für die Meisten ist er ein Thema über das man am besten nicht spricht.

Wenn Ihr mich fragt, geht es dem Tod wie den Spinnen. Die einen ignorieren sie, andere finden sie nützlich oder zumindest interessant und wieder andere reagieren panisch, wenn sie eine Spinne sehen. Warum ist das so?

„Weil der Mensch in beiden Fällen zu wenig darüber weis und das macht Angst.“ …Hallo Ur-Oma. Das ist ja gut und schön aber warum beschäftigen sich die Menschen dann nicht mehr mit diesem Thema?… „Das tun sie, mein Lieber aber meist in einer falschen Art und Weise.“ …???… „Wie beim Thema Spinnen bei dem sie ihrer Angst mit Spinnen-Ex zu Leibe rücken, versuchen sie den Tod zu umgehen oder zu ignorieren – ein Anti-Tod Spray gibt es ja nicht.“

…Ja aber warum ist das bei Frauchen und unserer Villa Geisterbund dann so anders? Schließlich leben wir hier alle als wäre der Tod nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang?… „Ach herrjeh, du willst es aber auch immer genau wissen. Also pass gut auf, ich will es dir erklären.“

Der Tod ist wie ein Umzug in ein fernes Land

Im Leben ist es ganz normal, dass Menschen die wir lieben oder auch nur kennen hin und wieder einmal umziehen. Meist ziehen sie in eine andere Straße, eine andere Stadt oder auch ein anderes Land. Je weiter sie von uns wegziehen, desto seltener sehen wir sie. Wir haben aber dennoch die Möglichkeit den Kontakt mit ihnen aufrecht zu erhalten, indem wir uns schreiben oder telefonieren.

Der Tod ist wie ein Umzug in ein sehr weit entferntes und unbekanntes Land in dem es weder Briefe noch Telefone gibt. Dort kommuniziert man allein durch die Kraft der Gedanken. Deshalb ist jeder Gedanke den wir für unsere Lieben und Freunde in unserem Kopf formulieren, für diese wie ein Brief oder Anruf von uns. Es gibt Zeiten, da ist die Verbindung nicht ganz so gut. Aber im Leben ruft man auch später noch einmal an, wenn man den anderen nicht gleich erreicht, weil er es nicht hört oder anderweitig beschäftigt ist. Umgekehrt funktioniert das auch. Wenn sie an uns denken äußerst sich das manchmal als ein vertrauter Geruch den wir in der Nase haben, kommt in Form eines besonders in Auge stechenden Schmetterlings dahergeflogen oder ist eine aus dem Nichts aufblitzende Erinnerung an denjenigen, der den Kontakt mit uns sucht.

Der Tod schafft Erkenntnisse

Die Begegnung mit dem Tod anderer lässt uns stets an das erinnern was uns mit dem Toten verbunden hat. Wir durchdenken die glücklichen und die weniger glücklichen Momente aber auch all das was wir noch gerne miteinander erlebt hätten oder „früher“ hätten tun sollen. Durch das Zusammenfassen unserer Erinnerungen schafft der Tod uns die Möglichkeit Erkenntnisse über uns, unser Tun und wie wir mit unserer Zeit die wir haben umgehen, zu erlangen. Er lehrt uns dadurch aus Unsicherheit und durch Verlust gestärkt in unsere Zukunft zu gehen und stolz auf das zu sein wer wir sind und was wir im Stande zu leisten sind.

Je mehr wir den Tod verdrängen oder ignorieren umso sprachloser und zerrissener macht er uns. Dabei ist es nicht das Plötzliche oder die Art seines Erscheinens. Es ist vielmehr die Unwissenheit darüber was der, der gegangen ist zu diesem Thema denkt. Man hat nie darüber geredet und jetzt scheint jede Form des Umgangs mit der Situation die falsche zu sein. Bleibt nur wieder das Verdrängen, doch das macht auf Dauer krank. Die Angst vor dem Tod lässt sich langfristig nur durch das Aufbrechen des Schweigens überwinden.

Der Tod schenkt uns einen Neubeginn

Der Tod bietet uns an seinem Punkt des Erscheinens eine gute Möglichkeit unser Leben neu in die Hand zu nehmen. Ähnlich wie bei einer Geburt, die auch mal mehr oder weniger mit Schmerzen verbunden ist, schafft er uns den Raum den wir benötigen uns unserer Wünsche für die Zukunft bewusster zu werden. Er gibt uns die Gelegenheit unser Wollen und unsere Persönlichkeit neu auszurichten.

Wer den Tod als das sieht, was er uns gerne sein möchte, die beschützende Gestalt, die uns liebt und uns all das versucht zu lehren was wir für ein erfülltes Leben brauchen, wird aus Zweifeln Geduld formen. Bis ein Kind geboren wird dauert es neun Monate. Diese Zeit, ein natürlicher Zyklus, steht uns auch zur Verfügung um die Botschaft verstehen zu lernen, die der Tod für uns hat. Man nennt ihn Trauerzeit. Im Gespräch mit anderen über die, die gegangen sind erkennen wir, dass die die wir vermeintlich verloren glauben als Vorbilder stets um uns sind und uns auf unseren Weg begleiten. Ähnlich wie die Blätter eines Baumes, die nachdem sie ihre natürliche Aufgabe für Sauerstoff zu sorgen beendet haben, erst in ihrer neuen Form der Existenz, als Humus, in der Lage sind neues Leben zu unterstützen. Sie sind immer noch da auch wenn wir sie als Blatt nicht mehr erkennen.

Wie geht man um mit dem Tod?

Man könnte auch fragen: Wie geht man mit jemandem um, der einem neue Erkenntnisse bringt und einem einen Neubeginn ermöglicht?

Indem man ihm Wertschätzung entgegenbringt egal ob er in kleinen Schritten daherkommt oder unvorhergesehen. Dann ist man auch in der Lage die noch so kleinen Botschaften und Zeichen, die er einem gibt zu erkennen.

Der Tod existiert nur durch das Leben. Je mehr wir versuchen den Tod aus unserem Leben zu verdrängen, desto mehr verdrängen wir unser Leben. Es wird Zeit den Tod als das zu erkennen was er für uns Lebende ist – ein ehrlicher Spiegel. Und was sehen wir darin? Jeder seine individuelle Sicht auf das Leben. Meist sind es Emotionen wie Angst, Wut, Trauer oder auch Einsamkeit. Keine wirklich guten Voraussetzungen um ein erfülltes Leben zu führen. Wer jetzt für sich argumentiert, dass diese Gefühle erst durch den Verlust einer geliebten, nahestehenden Person entstehen, sollte sich vor einem Spiegel stehend zwei Fragen stellen.

  1. Wer hat die verstrubbelten Haare die man im Spiegel sieht?
  2. Sind die verstrubbelten Haare erst entstanden als man in den Spiegel gesehen hat?

Eine natürliche Trauer über den Tod ist wie das Erschrecken über den Anblick der verstrubbelten Haare – das Leben besteht aus Emotionen und deshalb darf man sie auch haben. Doch man sollte nicht an ihnen festhalten, sondern aktiv mit den Erkenntnissen arbeiten, die sie ins Bewusstsein gebracht haben.

…Ur-Oma das bedeutet also, dass es nicht darum geht die, die wir lieben loszulassen, sondern nur die Emotionen, die ihr Weggang in uns auslöst?!…

„Ja, denn diejenigen, die in dieses sagenumwobene ferne Land ohne Brief und Telefon gezogen sind und was wir die Villa Geisterbund nennen, muss man nicht loslassen. Hier reicht es die Sprache der Gedankenkommunikation zu lernen. Nein, klammern soll man nicht. Aber mal Hand aufs Herz. Als sie noch hier waren, hat man sie ja auch nicht stündlich mit Briefen und Anrufen bombardiert.“ …Da sieht man es mal wieder. Wer lernt über das zu sprechen was ihn bewegt, räumt auch allerlei Missverständnisse aus dem Weg.

Tja und je nach Lage von Frisur und Vorbild im Spiegel helfen bei den ersten Schritten in die richtige Richtung für ein erfülltes Leben z.B. ein Gang zum Friseur, Gespräche mit Freunden, mit Fremden, einem Therapeuten oder meinem Frauchen…

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater