Archiv für den Monat: November 2019

Die Trauerzeit

Der Beginn der Trauerzeit, hat seinen Spiegel in der Ankündigung eines neuen Lebens. Ob wir einen Verlust oder ein „Ich bin Schwanger“, bzw. ein „Ich werde Vater“, durchleben, in beiden Fällen sehen wir uns gravierenden Veränderungen unseres Lebens gegenüber. Es stellen sich die gleichen Fragen: Was soll ich tun? Was wird sich in meinem Leben ändern, bzw. was muss ich in meinem Leben ändern? Werde ich das alles schaffen?

Laut Ur-Oma steckt die Trauerzeit, genauso wie die Zeit der Schwangerschaft voller Hochs und Tiefs. Während wir uns freuen, dass das Leid des Verstorbenen mit dem Tod ein Ende hat, kämpfen wir mit unserer eigenen Traurigkeit und dem Schmerz über den Verlust. Nicht viel anders geht es den werdenden Eltern. Nach der Freude über das neue Leben, machen es die nun folgenden Probleme, die ein Schwangerschaft so mit sich bringt, wie morgentliche Übelkeit oder auch, je nach Stadium, der zunehmende dicke Bauch, der immer weniger in eine wetterkonforme Kleidung passen will, sowie die Sorgen der werdenden Väter, wie man die hormongesteuerten, höchst zweifelhaften Essgewohnheiten, der werdenden Mutter, aus dem Tankstellensortiment um Mitternacht, befriedigt bekommt und den schlaflosen Nächten, in denen man sich fragt, was so ein neues Leben nun wieder an Kosten verursacht, nicht immer leicht, daran zu glauben, dass auch wieder leichtere Zeiten kommen.

Ob in der Trauer oder der Schwangerschaft, in beiden Fällen kommt der Tag, an dem der Neubeginn scheinbar eigenmächtig alles Negative vergessen lässt. Im Fall der Schwangerschaft ist es der erste Schrei des Neugeborenen, den wir mit Spannung erwarten. In der Trauer ist es ebenso ein einziger Moment, der unser Herz wieder für die Liebe und Freude öffnet. Doch auch er will von uns erwartet werden.

Wie Opa das bei Frauchen gemacht hat, erzähl ich Euch jetzt:

Das Geburtstagsgeschenk

Opa war zu seinen Lebzeiten ein eher in sich gekehrter und nüchtern denkender Mensch. Hatte er sich erst einmal eine Meinung zu etwas gebildet, rückte er auch durch die besten Argumente nur sehr schwer wieder von ihr ab. Das kam bei ihm besonders in Gesprächen über den Tod und was danach kommt, die er ab und an mit seiner Tochter, meinem Frauchen führte, zum Tragen. Während Frauchen, Dank Ur-Oma, eher die Meinung vertritt, dass auch nach dem Tod nicht alles zu Ende ist, stand für Opa fest, „Ein Danach gibt es nicht.“

Dumm nur für ihn, dass es für mein Frauchen aber ein „geht nicht – gibt`s nicht“ existiert. Das hat sie von mir. …wie ich bin auf Diät? Keine Schleckerlie heute? Sorry Frauchen, bin dann mal kurz weg, die Nachbarin besuchen… In diesem Sinne schilderte sie Opa dann ihre Vorstellung der Dinge. „Du wirst schon sehen. Ich werde den ganzen Tag nach dir rufen und dir sagen, mach mal bitte dies, helfe mir doch mal dabei und wenn du dann brav geholfen hast, lade ich dich dann schon auch mal auf Kaffee und Kuchen ein. Mit den anderen, die schon vorausgegangen sind, klappt das ja auch hervorragend.“ Tja Opa, mit dieser Tochter bekommst du richtig Arbeit – von wegen da gibt es nichts! Er meinte dann auch, dabei blitzten seine blauen Augen spitzbübisch auf, „Da ist man noch nicht tot aber schon schlimmer verplant als im Leben. Nein, mir ist es lieber da kommt nichts mehr. Abgeschlossen, fertig, Ende!“

Nach Opas Seebestattung im Oktober, mit all den wider Erwarten schönen Erinnerungen an Glühwein und Roulade mit Klos und Rotkraut, sowie Frauchens Gefühl der Verbundenheit mit ihrem Vater, kehrte eine fast schon gespenstische Stille ein. Jeder Ruf, jede Bitte und jedes Flehen von Frauchen blieb unerhört. Ich konnte sehen und spüren wie Frauchen mehr und mehr die Hoffnung aufgab, den Kontakt zu ihrem Vater wieder zu finden. Er war halt einer von den Sturen. Aus, vorbei, Ende. „…Papa … Paaapaaa ….“ Stille. Die Zeit verging. Weihnachten stand vor der Tür.

Einen Tag vor Heilig Abend wäre Opa 76 Jahre alt geworden. Trotzig wie Kinder sein können, werkelte Frauchen, mit den Tränen kämpfend in ihrer Küche. Rouladen, Klos und Blaukraut aus dem Backofen, sein traditionelles Geburtstagsessen. Ob das Opa aus seiner Himmelswolke hervorholt? „Papa?“ Nein. Es blieb still. Ich bin immer wieder erstaunt darüber wie viel Frauchen ertragen kann. Aber gut, sie hat 18 Jahre ihres Lebens mit mir, dem Herrn Cater verbracht. Das geht auch nur wenn man hart im Nehmen ist. Die Details erspar ich Euch lieber – vorerst. Zudem bewegte sich die Zeit bei Frauchen gerade auf den Supergau zu.

Mittlerweile ist es Sommer geworden und Frauchens erster Geburtstag ohne ihren so innig geliebten Vater steht vor der Tür. „ Papa, wo zum Donner steckst du denn? … Paapaaaa …“. Nein, keine Geburtstagsfeier. Nein, kein Kaffee und Kuchen mit Freunden und „Nein“, auch keine Geschenke. Frauchens Welt schien nur noch aus dem Wort „Nein“ zu bestehen. Bin nur froh, dass sich im Leben nicht alle an das halten was andere so wollen bzw. nicht wollen. Zumindest Frauchens Freunde beschlossen, dass man zusammenkommt und das Beste aus der verfahrenen Situation macht. Selbst dem neuen Hund in Frauchens Leben, schien der Wunsch nach Einsamkeit ziemlich wurscht zu sein. Er begrüßte die ankommenden Gäste freudig überdreht, als würde man sie heiß und innig erwarten. Irgendwann gab sich dann auch Frauchen geschlagen. Trotz Kummer im Herzen, unhöflich wollte sie nun auch nicht sein.

„Ok, ich bin soweit – der Hund kann los zum Gassi gehen.“ …. ??? … Opa? Wo kommst du denn jetzt so plötzlich her? …??? … Gemeinsam versuchten wir nun den armen Hund dazu zu bewegen, die Kaffeerunde so zu nerven, bis mal einer auf die Idee kommt, dass er dringend raus muss. Vom in den Hintern zwicken bis hin zum ins Ohr pusten, alles wurde ausprobiert. Irgendwann hat es dann geklappt. Frauchen nutzte, wie von uns geplant, die Chance der illustren Runde für ein paar Momente zu entfliehen, schnappte sich die Leine und marschierte mit Hund los.

Weit kamen die beiden jedoch nicht. Keine fünf Minuten nachdem sie losgelaufen waren, kam eine dicke fette Regenwolke herbeigezogen … Opa, du bist genial!!!! … und lies dicke Regentropfen fallen. Just in dem Augenblick, in dem sich Frauchen und Hund, wieder auf den Rückweg zum Haus machten, schien plötzlich die Sonne. Na, in der Schule aufgepasst? Genau. Das was da in seinen schönsten Farben quer über unserem Haus zu sehen war, brachte Frauchens trauriges Herz zum Strahlen. Es war der wohl schönste Regenbogen, den die Welt je gesehen hat. „Papa?!“ Was ein Geburtstagsgeschenk. Hollywood begrüßt Opa zu seinem berauschenden Comeback. …Man Opa, du kannst einen aber auch auf die Folter spannen…. Aber manchmal ist es eben wie im Leben auch. Die besonderen Geschenke brauchen Ruhe und Vorbereitungszeit. Seit diesem Geburtstag schickt der Opa immer wieder mal einen Regenbogen, wenn er sich in Erinnerung bringen will. SMS, WhatsApp oder wie das neumodische Hany Zeugs so heißt, gibt`s hier ja nicht auf unserer Seite. Obwohl, ist der E-Mail Erfinder nicht auch schon hier bei uns? ….

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater

Die Beerdigung

Wenn es nach Ur-Oma geht, sollte man die Planung seiner Beerdigung keinesfalls nur den Angehörigen überlassen, es sei denn man geht das Risiko ein, sich unbeliebt zu machen. „Da hat sie recht.“ … Groß-Tantchen …??! … „Ja, ich erinnere mich da noch allzu gut an diverse Beerdigungen, von denen man unter vorgehaltener Hand, als eine späte Rache der Verstorbenen geflüstert hat.“ …???… „Na oder wie würdest du das nennen, wenn bei eisiger Kälte, Schneeregen und Wind deine Lieben fast drei Stunden auf dem Friedhof ausharren müssen, bis alle Vereinsvorstände und Musikkapellen, in deren Vereinen man zu Lebzeiten, wenn auch nur auf dem Papier, Mitglied war, Ihre Reden und Ständchen gehalten haben?“

…Schon, aber … „Nix aber, Herr Cater. Eine Beerdigung sollte man nicht als Abschied für immer, sondern als einen Umzug in ein neues Leben sehen. Mit der daraus folgenden „Abschiedsfeier“, will man doch seinen Lieben zeigen, wie und durch was sie einen in Erinnerung behalten sollen. Und wer, wenn nicht man selbst kann das am besten?!“

… Verstehe. Statt sich an einen „Zapfen“, in Form von gefühlten Eiszapfen als Füße an eine extrem eisige und damit qualvolle Beerdigung zu erinnern, macht es allen mehr Spaß sich an eine Beerdigung, wie die von Frauchens Freundin zu erinnern. Da war es zwar auch kalt, aber die Gute hat zu Lebzeiten verfügt, dass nach jeder Rede ein Glas Wein auf sie zu lehren sei. Der Zapfen, den Frauchen von dieser Abschiedsfeier mit nach Hause gebracht hat, ist ihr bis heute noch in guter Erinnerung.

Wie das bei Opa war, erzähl ich Euch jetzt:

Die Beerdigung – Opa hat eigenen Pläne

Gerne hab` ich Frauchen und Opa immer belauscht, wenn sie sich über Opas letzte große Reise unterhalten haben. Warum? Ganz einfach. Opa hatte dann immer so ein ganz spezielles Leuchten in den Augen. In diesen Momenten schien es, als würde er sich sehr darauf freuen. Nein, keinesfalls sollte seine Reise schon im Städtischen Friedhof enden. Eingesperrt in ein tiefes, dunkles Loch oder noch schlimmer, in einer Urne, eingequetscht in eine Wandnische, Schulter an Schulter mit anderen, die er gar nicht kennt – nie und nimmer! Er wollte frei sein! Basta! Tja meine Bestimmtheit etwas zu wollen oder auch nicht, habe ich wohl von Opa. Nur bei mir heißt das ….fauch!….

Genauso wenig wie bei mir, ändern dann auch bei Opa keine noch so guten Argumente die einmal gefasste Einstellung. „Aber was ist, wenn Oma gegen deine Pläne ist und deine letzte Haltestelle doch Ostfriedhof heißt?“ Jetzt schaute Opa aus seinen stahlblauen Augen mein armes Frauchen ganz scharf an. „Dann kann ich dir jetzt schon bis ins kleinste Detail erklären was du dann zu tun hast.“ Auweia, jetzt war er aber richtig in Fahrt. „Dann nimmst du dir Hammer, Meisel und Schraubenzieher mit und holst mich mit meiner Urne da um Mitternacht wieder raus. Anschließend verstreust du mich dann im Fluss.“ An dieser Stelle der Debatte, hörte man Frauchen stets nur sagen „Na klasse.“ Ihre Art einem zu sagen, ok, dumm gelaufen, ich lass mir was einfallen.

Musste sie diesmal aber gar nicht, denn eines Abends rief Opa spät noch an. „Mach den Fernseher an. Da berichten sie gerade über das, was ich mir für mich vorgestellt habe. Genau da will ich hin!“ Rumps … tuutuuut … aufgelegt. Der Mann der vielen Worte war Opa ja noch nie. Dank meiner guten Lehrertätigkeit kann Frauchen aber klare Befehle auch schlaftrunken befolgen. Ihre Augen wurden größer und größer. Im Fernsehen war ein Bericht über Travemünde zu sehen. Vorgestellt wurde das Schiff Marina mitsamt seiner Kapitänin. Nach und nach schaffte es Frauchens Hirn, das Gesehene alles unter einem Begriff zusammen zu fassen. Eine Seebestattung! Das wollte Opa! „Na klasse…“

Auf nach Travemünde hieß es ein Jahr später. Oma war zu dieser Zeit schon schwer an Alzheimer erkrankt und konnte nicht mehr mit. Damit und auch sonst alleine, war das nicht ganz einfach für Frauchen, gerade in Anbetracht der Vorstellung, dass Opa schon mal mit der Post vorausfahren würde. „Die schafft das schon. Ist ein zähes Kerlchen und schließlich helfen wir beide ihr auch dabei.“ …???…Opa?! …“Ich muss los sonst verpass` ich noch meinen Post LKW.“ Da muss ich mich erst mal dran gewöhnen, dass Opa jetzt bei mir und nicht mehr bei Frauchen ist. Apropos… wo ist sie denn?… Ah, sie ist auch schon in Travemünde angekommen. Während ich und alle meine Wolken-Mitbewohner erst einmal Opa ausgiebigst in unserer Villa Geisterbund begrüßt haben, hat sie sich ausgeruht um sich dann auf den für sie schweren Weg zum Schiff zu machen. Unterwegs hat sie ein Café, an dem sie vorbeikam daran erinnert, dass es nach einer Beerdigung eigentlich immer einen sogenannten Leichenschmaus gibt. Ein Kaffee müsste eben genügen – war ja sonst keiner da.

… wir sind doch da! … pfff … manchmal hat man es nicht einfach mit Frauchen…. da ist sie ein Null Merker…. Die Zeremonie auf der Ostsee, war ganz im Sinne von Opa. Strahlender Sonnenschein, ruhige See, aus der Musikanlage des Schiffes erklang „Stark wie zwei“ von Udo Lindenberg und ein Frauchen das sich ihm ganz nah gefühlt hat. Da war sogar ich ganz gerührt. Besonders als ich gemerkt habe wie viel Mühe sich Opa damit gegeben hat seiner Tochter zu zeigen, dass er immer noch bei ihr war. Wie er das gemacht hat?

An dem Café von vorher stand jetzt ein Aufsteller, der auf dem Hinweg noch nicht da war. GLÜHWEINSAISON ERÖFFNET konnte man da in großen Lettern lesen. Ja, Opa hat immer gern in den Wintermonaten eine Tasse Glühwein getrunken. Irgendwie hat sie sich daran erinnert und statt Kaffee, tapfer die Tränen heimlich in den Jackenärmel wischend, einen Glühwein bestellt. Der Tag auf dem Meer, die frische Luft und die ganze emotionale Aufregung, da blieb es nicht aus, dass sich langsam aber sicher der Hunger meldete. Zumindest bei mir und Opa. Frauchen mussten wir da schon locken. Ihre Pensionswirtin schickte sie dann auch mütterlich bestimmt in ein Lokal an der Strandpromenade. Wie am Meer üblich zieren die meisten Seiten einer Speisekarte Fischgerichte. Nein, Fisch wollte Frauchen auf gar keinen Fall essen, denn den mochte Opa nicht. Fast schon erleichtert, dass da wohl auch nicht viel mehr an Gerichten kommt und ihr so das Essen erspart bliebe, schlug sie die letzte Seite der Speisekarte auf. Doch vielleicht wenigstens eine Kleinigkeit essen. Tja und dann bekam sie riesengroße Augen. Das letzte Gericht auf der letzten Seite waren Rinderrouladen mit Klos und Blaukraut aus dem Backofen …schleck… Opas traditionelles Geburtstagsessen!

Da hatte sie es endlich wirklich verstanden. Opa war da, die komplette Mannschaft der Villa Geisterbund und meine Wenigkeit natürlich auch – eröffnet war der traditionelle Leichenschmaus. Auf dem Heimweg zur Pension sind am Strand trotz allem noch ein paar dicke Tränen geflossen. Es waren aber mehr Tränen der Erleichterung, da Frauchen jetzt endlich das Gefühl hatte, dass der Tag kein Abschied, sondern nur eine Verabschiedung in Opas neues Leben war. Jetzt war sie zuversichtlich, dass Opa ihr auch zukünftig im Leben helfen würde die notwendigen Dinge, die das Leben so mit sich bringt, zu regeln. Zugegeben, an die Art und Weise, wird sie sich noch gewöhnen müssen, aber dann…

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater

Das Totenbett

Während die häusliche Aufbahrung, das Totenbett, in früheren Zeiten noch große Bedeutung genoss, springen wir heutzutage in unserer schnelllebigen Zeit immer öfter, ohne Punkt und Komma, vom Sterbebett zur Beerdigung. Ganz nach dem Motto: „Bis zum Bahnhof bringe ich dich noch, aber mit dir warten bis der Zug kommt? Sorry – keine Zeit.“

Hand auf`s Herz, habt Ihr schon mal gemeinsam Wartende am Gleis beobachtet? Da wird sich umarmt, geküsst, gescherzt, gelacht, geweint, schnell noch dies und jenes gesagt, gefragt oder mit auf den Weg gegeben. All das, obwohl man sich nach Tagen, Wochen oder Monaten wiedersieht oder auch nach Stunden miteinander telefoniert, schreibt oder neudeutsch skyped. Warum gibt man sich den Verstorbenen gegenüber dann so spröde? … Ur-Oma? …

„Die meisten Menschen sehen das Sterben als den eigentlichen Abschied an. Im Tod selbst, sehen sie sich jeglicher Möglichkeit beraubt noch etwas zu sagen oder zu tun. Deshalb gab man früher durch die Zeit des Aufbahrens, den Angehörigen die Möglichkeit, sich leichter an den Übergang des Verstorbenen zwischen Körper und Seele zu gewöhnen. An der Stelle, an der die verbale Kommunikation versagt, schafft das Bild des Totenbettes, den Übergang zur emotionalen, intuitiven Kommunikation. Der Verstorbene ist noch in der Familie, obwohl er nicht mehr da ist. Es war normal, dass die Angehörigen oder Freunde am Totenbett saßen und dem Verstorbenen, als würde er leben, ihre Erlebnisse, Gefühle und Gedanken, die Guten wie die Schlechten, erzählt haben. Nach der Beerdigung war es dann als drehe sich das Bild nur um. Durch das ganz selbstverständliche Reden mit den Verstorbenen, an das man sich in der Aufbahrungszeit gewöhnt hat, wuchs auch das Gefühl, dass deren Seele anwesend ist und an ihrem Leben Anteil nimmt.“

… Also ist das Aufbahren eine Art Unterricht, in dem man lernt, dass jeder Verstorbene bleibt wie er ist und nur die Art wie man mit ihm zukünftig kommuniziert sich ein wenig ändert. „Jetzt hast du es verstanden, Herr Cater.“ Na, dann sind Frauchen und Opa wohl Naturtalente – oder war es Opas Dickschädel? Egal. Zumindest hat Opa es auf seinem Totenbett geschafft ein Lachen in Frauchens Gesicht zu zaubern. Wie er das gemacht hat, erzähl` ich Euch jetzt…

Opa liebt makabre Scherze

Dank Ur-Oma bin ich in einer Familie groß geworden, in der man zu Lebzeiten gerne und ausgiebig darüber spricht, was man gerne tun würde, wenn man nicht mehr da ist. Opa hat das besonders gerne gemacht. Ihm war es eine wahre Freude, Streiche aus zu hecken, für die man dann nach dem Leben nicht mehr geschimpft werden kann. Er hat leider nicht bedacht, dass Frauchen darüber manchmal ein klein wenig anders denkt. Hätte er mich mal lieber vorher gefragt. Wenn ich heute unseren Hund ärgere und sie mir auf die Schliche kommt, weil es im Haus wieder mal nicht mit rechten Dingen zugeht, stellt sie sich vor ein Bild von mir und hält mir eine Predigt, die sich gewaschen hat. Genau wie früher, nur das sie mir damals auch noch den Hintern versohlen konnte. Vor so einer Predigt wird der Opa künftig wohl auch nicht verschont bleiben…

Einer seiner makabren Scherze war zu Lebzeiten seine Vorstellung die Bestatter zu ärgern. Immer wenn gefeiert wurde und dabei auch mal das Thema Tod aufs Tablett kam, was nicht weiter verwunderlich ist, wenn Leute ihren 70. oder 80. Ehrentag feiern und man sich über die unterhält, die nicht mehr mitfeiern können, hat er die immer gleiche Geschichte erzählt. Würde er einmal sterben und die Bestatter würden kommen ihn abzuholen, dann würde er sich richtig schwer machen. „Die sollen mal richtig schwer arbeiten und schwitzen!“ Das waren die Worte, die stets großes Gelächter auslösten. Jeder konnte sich anhand seiner Beschreibung, Gestik und Mimik, die Situation so richtig bildlich und lebhaft vorstellen.

Doch so sehr Frauchen diesen Scherz auch genossen hat, so beschwerlich war der Weg, der zu Opas Wunscherfüllung führte. Er erkrankte schwer an Krebs und verbrachte seine letzten Wochen auf einer Palliativstation. Keine schöne aber eine sehr innige Zeit für die beiden. Eines Abends kam dann der Anruf, dass Opa still eingeschlafen ist. Frauchen fuhr am nächsten Tag nochmal hin. Einerseits um Abschied zu nehmen, andererseits um sich um alles nun Anstehende zu kümmern. Mir ist gleich aufgefallen, was Frauchen vor lauter Schmerz erst ein bisschen später gemerkt hat. Die Krankenschwestern hatten Opa hübsch zurecht gemacht, mit Rosenblüten auf seinem Kopfkissen und Rosen- seinen Lieblingsblumen, in seinen Händen. In seinem Gesicht lag ein Lächeln, das an einen Spitzbuben erinnerte, der gerade was ausgeheckt hat. Da kenn ich mich aus, denn ich war und bin immer noch einer – sagt Frauchen.

Am Anfang glaubte Frauchen noch, dass sie sich durch das emotionale Chaos das Opas Tod in ihr auslöste, nicht mehr an den Namen der Bestattungsfirma, die in unserer Familie schon eine gewisse Tradition hat, erinnern könne. Doch dann bemerkte sie endlich das gewisse Lächeln in Opas Gesicht. „Nein Papa, das tust du nicht!“ … doch … grins … und just in diesem Moment konnte sie den Namen wieder erinnern. Eine Stunde nach dem Anruf waren die Bestatter da. Pflichteifrichst schoben sie den mitgebrachten Sarg ins Zimmer und ich konnte Frauchen verzweifelt denken hören „Papa – nein!“ Zu spät. Jetzt wollte Opa es wissen.

Was vorher ein relativ geräumiges Zimmer war, schrumpfte am Eingang mit Sarg, zwei Bestattern und gegenüber mit Frauchen am Fußende von Opas Bett auf Schuhschachtelgröße zusammen. Somit war Frauchen chancenlos das Zimmer zu verlassen, obwohl das den beiden Bestattern mit Sicherheit lieber gewesen wäre. Doch so ungünstig wie der Sarg im Zimmer stand, führte kein Weg an ihm vorbei. Was werden die beiden Unglücksraben denn jetzt tun? Ich war mindestens so gespannt wie Frauchen, die mittlerweile, mit Blick auf deren betretenen und verlegenen Gesichter, alle Hände voll zu tun hatte, nicht laut los zu lachen. Manch einer wird bestimmt sagen, dass der situative Stress verantwortlich dafür war, aber ich kenne mein Frauchen besser. Die bekam in diesem Moment Opas Gesten- und Mimik reiche Darstellung seiner früheren „Ich krieg die Bestatter am Ende doch!“ Vorführungen nicht mehr aus ihrem Kopf. Zu ihrem Leidwesen stand sie jetzt auch noch in der ersten Reihe.

Beide Herren bemühten sich redlich, ganz nach Opas Lebzeiten-Drehbuch, pietätvoll aus der Wäsche zu schauen, während sie ächzend, schnaufend und mit hoch rotem Kopf, schwitzend, immer wieder verstohlen, mit um Vergebung bittendem Blick, zu Frauchen schauend, den gefühlt zehn Zentner schweren und dabei bis über beide Ohren grinsenden Opa, vom Bett in den Sarg zu hieven versuchten. Nein ehrlich, mir tat Frauchen wirklich bis ins letzte Schnurrhaar leid. Da spielt ihr der eigene Vater den besten Schwank seines Lebens und sie darf so ziemlich alles nur nicht lachen. Hab` ich eigentlich schon erwähnt, dass Opa Volkstheater-Fan war? ……..

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater