Archiv für den Monat: Oktober 2019

Die Villa Geisterbund im November – Stress

Zu meinen Lebzeiten war es mir nie wirklich bewusst wie stressig der so scheinbar ruhige November sein kann. Ja, das merkt man erst wenn man auf seiner Wolke sitzt und plötzlich aus seinen Lebkuchen Gedanken gerissen wird, weil Ur-Oma einem die Wolke unter dem Hinterteil wegzieht um sie wie Frau Holle mal wieder ordentlich aufzuschütteln und von allen Krümeln zu befreien – dabei ist es zu diesem Zeitpunkt erst Mitte Oktober!

Auch Frauchen bekommt das in unserer Villa Geisterbund regelmäßig zu spüren. Während sie früher in alter Tradition eher eine Anhängerin des Frühjahrputzes war, spielt sich das ganze Getöns um Wischlappen, Staublappen und Co jetzt in den letzten zwei Oktoberwochen ab. Warum? Ganz einfach. Unsere alten Damen auf ihren Wolken haben das so beschlossen. Schließlich, dabei sind sie sich alle einig, könne man nicht im November wegfahren solange das Haus nicht blitzt und blinkt. Wie wegfahren? Wo wollen die denn alle hin? Und warum?

In einer Putzpause, bei Kaffee und Kuchen, haben sie es mir dann erklärt. November ist in unserer Wolkenfraktion sowas wie die Hauptreisezeit. Zu den großen Trauer- und Gedenktagen geht`s endlich mal wieder auf die angestammten Friedhöfe. Wäre ja auch blöd, wenn alle möglichen und unmöglichen Leute mit Blumen, Kränzen, Gestecken und Kerzen als Geschenke vorbeikommen und von unsereiner ist keiner da.

Letztes Jahr gab`s fast ein Drama, als Groß-Tantchen noch ganz in Gedanken, ob sie Frauchen auch gesagt hat, dass diese unbedingt noch einmal über den Wohnzimmertisch wischen soll, mit Ur-Oma an deren Grab im Stadtfriedhof stand. „Schön gepflegt, dass muss man deiner Familie lassen.“ „Ja, ich denke die werden jetzt auch bald kommen“, antwortete Ur-Oma schon ein wenig ungeduldig. Doch eine Frage brannte ihr noch auf der Zunge. „Warum bist du eigentlich noch hier, Schwester? Müsstest du nicht längst auf deinem Friedhof in Saarbrücken sein?“ „Ach herrjeh!“ Weg war sie….

Ur-Opa schwänzt ja liebend gerne mal Allerheiligen. Seiner Meinung nach eher was für die Frauen. Er macht es sich dann im großen Ohrensessel an der Heizung bequem und tunkt ein Hörnchen in seinen Kaffee. Doch am Volkstrauertag bleibt ihm keine Wahl. Kaum das es hell wird stolziert Groß-Onkelchen Oberlehrer durchs Haus und sorgt dafür, dass Ur-Opa rechtzeitig, fesch im Anzug, startbereit ist. „Heute müssen wir pünktlich sein – die Bläser kommen. Mal gespannt was es dieses Jahr an Kränzen gibt.“

Das Opa Reisepläne hegt, merkt man meist daran, dass Frauchen sich zu wundern beginnt, warum immer dann, wenn sie den Fernseher einschaltet, der Wetterbericht läuft. Sonnenschein an der Ostsee! Jetzt ist Opa nicht mehr zu halten, volle Fahrt voraus – typisch Seebestattung! Damit Frauchen auch was davon hat, gibt`s im Fernsehen „Die Ostsee von oben“ – die beiden waren schon immer ein gutes Team.

Die einzige, die bei uns auch im November keinen Stress verspürt, ist Oma. Ja auch eine anonyme Bestattung hat ihre Vorteile – eher unwahrscheinlich, dass Besuch kommt. Stattdessen animiert sie Frauchen dazu die seltene heimische Ruhe zum gemeinsamen Kuchen backen, inklusive Mutter Tochter Schwätzchen, zu nutzen.

Nach und nach trödeln nach der Abschlussveranstaltung, dem sogenannten Totensonntag auch alle anderen wieder ein. Doch wie schön die Friedhofsreisen auch sind, in einem sind wir uns in unsere Villa Geisterbund einig. Es geht doch nichts über ein Wolkenleben, in dem sich die Gedanken oder wie wir sagen, Einladungen der Familie und Freunde über das ganze Jahr verteilen. Gemütliches Beisammen sein, wo immer man gerade ist und nicht nur ab und zu ein gemeinsames Frieren auf dem Friedhof!

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater

Wenn die Wolkenfamilie zum Familienessen ruft

Nein, Einkaufen gehört nicht gerade zu Frauchens Lieblingsbeschäftigungen. Einzig Buchläden, egal ob groß oder klein, neu oder antiquarisch, lassen ihre Käuferseele höher und schneller schlagen. Da vergisst sie Raum und Zeit. Alle anderen unvermeidlichen Einkäufe, erledigt sie im Schnelldurchlauf nach Notwendigkeiten-Liste.

Diese Liste kann einem die Freude an so einem Einkaufstag gründlich verderben. Nicht nur, dass es keine Extras gibt, wie Schokolade oder einfach etwas Neues, das man mal so eben ausprobiert, nein, auch das Vorbeischlendern an so manchem Regal bleibt einem verwehrt, weil nichts von dessen Auslegware auf dieser blöden Liste steht. Da bin ich dann schon so manches Mal dazu geneigt, Frauchen diese Liste vergessen zu lassen und sie ohne los zu schicken. Doch Frauchen ist ein Improvisationstalent. Sie erledigt ihren Einkauf dann einfach nach Rezept. Dauert dann zwar drei Minuten länger bis sie ihre Zutaten zusammen hat, ist aber immer noch zu schnell für Extras, die das jeweilige Rezept ohnehin nicht beinhaltet.

Also was tun? Ablenkung und geballte Gedankenpower. Wer wäre für so etwas geeigneter als Uroma und Groß-Tantchen. Während Uroma eher ein Fan der süßen und salzigen Regale ist, beschäftigt sich Groß-Tantchen eher mit all den leckeren Sachen, die der Rest der Familie gerne isst.

Opa braucht Äpfel, für abends ein bisschen Rotgelegten und dazu ein knackiges Brötchen. Uropa hat Hunger auf Käse. Am liebsten Limburger. Oh, die haben wieder Nussschnecken. Für die können sich alle erwärmen. Am besten gleich ein paar mehr mitnehmen. Opa möchte bestimmt noch gerne was von dem guten Fleischsalat und weiter hinten im Gang, waren da nicht noch die leckeren Gewürzgurken? Zwei Gläser – essen die Männer ja gerne. Fisch! Der Herr Cater braucht noch Thunfisch. Unter drei Dosen geht da nichts. Aber bitte Natur – ohne Öl. Ach herrjeh, bloß nicht den Joghurt vergessen. Erdbeer für Herrn Cater, Pfirsich für Uroma, Vanille, Himbeere, Brombeere für Groß-Tantchen …. und Kartoffeln. Wir brauchen noch Kartoffeln ….

„Sag mal Schwester, ist das da vorne beim Gemüse nicht Luise?“ „Ja, ich glaube schon.“ … Na super, während ich alle Pfoten voll zu tun habe, Frauchen von unserer „himmlischen“ Einkaufsliste abzulenken, haben Ur-Oma und Groß-Tantchen nichts Besseres zu tun, als sich wie früher ins nächste Schwätzchen zu stürzen.

„Wie geht`s mit der Gesundheit? Was macht der Vater? Ah, im Pflegeheim. Wie kommt er denn da zurecht? Der Mann? Ah, schon seit geraumer Zeit in Rente…“ Während Frauchen sich insgeheim, wie so oft, fragt, woher sie die nette Frau eigentlich kennt, sind Ur-Oma und Groß-Tantchen ganz aus dem Häuschen. Luise ist nämlich die Enkelin einer alten Freundin der beiden und dank der gerade eingekauften Nussschnecken, steht dem nächsten Kaffeeklatsch auf deren Nachbarwolke nun nichts mehr im Wege. Heist es nicht immer „Wie im Himmel so auf Erden“?

Ping …Ping … Ping …Jetzt noch durch die Kasse und dann nichts wie raus und nach Hause, bevor Frauchen doch noch was spitzkriegt. „Oh man, war das wieder ein Einkaufen. Jetzt mach` ich mir meine wohlverdienten Schinkennudeln… ??? …!!! …Thunfisch???… Limburger???… TAAANTCHEN!!!!!“

Das sind die Momente in Frauchens Leben, in denen ihr schnell klar wird, dass sie Gäste zum Essen hat. Da wird dann schonmal aus geplanten Schinkennudeln ein Lieblingsessen von Ur-Opa. Limburger mit Kartoffeln und Gurke. Schön, die Vorfreude auf den abendlichen Rotgelegten mit Thunfisch, hält sich bei ihr noch sehr in Grenzen, aber spätestens beim Joghurt, handelt sie mit Ur-Oma für den zweiten Becher die Schinkennudeln für den nächsten Tag raus.

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater

Sein – Leben der Frau

                                                        Groß-Tantchens Lieblingsgedicht

 

                                                                  Sein – Leben der Frau

                                                                              Kind sein,

                                                                               lieb sein.

                                                                               Frau werden,

                                                                               attraktiv sein.

                                                                               Frau sein,

                                                                               reif sein.

                                                                              Mutter werden,

                                                                              verantwortungsvoll sein.

                                                                             Mutter sein,

                                                                             stark sein.

                                                                             Älter werden,

                                                                             verständnisvoll sein.

                                                                             Alt sein,

                                                                            einsichtig sein.

                                                                           Krank werden,

                                                                           keine Last sein.

                                                                          Sterben,

                                                                          zufrieden sein?

…Groß-Tantchen hat am Ende Ihres Lebens die Frage nach dem zufrieden sein, nach reiflicher Überlegung mit einem aus tiefsten Herzen kommenden „Ja“ beantwortet. Wie sie zu dieser Erkenntnis gekommen ist? Erklärt hat sie es mir so: „Wer das Leben liebt so wie es ist, beherrscht die Kunst „zu sein“ – das schafft Zufriedenheit. Wer ständig die Schuld bei anderen sucht, lebt deren, also „sein Leben“ – das schafft Unzufriedenheit.“ Ihr seht, der Titel „Sein – Leben der Frau“, ist nicht so banal wie er auf den ersten Blick scheint – da steht er dem Leben in nichts nach…

Wie? Wer es geschrieben hat? Ehrlich, ich war`s nicht – ich sag` nur …FRAUCHEN…

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater