Archiv für den Tag: 9. Mai 2019

Menschen mit Handicap

Spätestens in den Nachrichten erwischt selbst den unsportlichsten Zeitgenossen auf dem Weg zum Wetterbericht, der Sport und mit ihm auch die olympischen Winterspiele. Ne, mit Sport hab` ich es nicht, aber den anderen dabei zuzusehen, kann ich vertreten …schmatz …knister …raschel …knurps …!???… Die Paralympics allerdings erstaunen mich jedes Mal aufs Neue…hust…da bleiben mir vor Aufregung auch schon mal die Chips fast im Hals stecken. WAHNSINN was die Teilnehmer da alles an Leistung erbringen – und das sollen alles behinderte Menschen sein?

Oooopaaaa!…man wo steckt der denn schon wieder? Oooopaaa!…nie da, wenn man ihn dringend braucht… „Was willst du denn schon wieder Herr Cater?“ …Schau dir das an. Schon wieder eine Goldmedaille. Wie machen die das nur, die Behinderten? „Na, wie alle anderen Sportler auch. Sie geben ihr Bestes.“ …ja aber es heißt doch immer Behinderte, also Menschen mit Handicap sind nicht so normal wie gesunde Menschen…???… „Nein, mein Lieber. Sie sind so normal wie du und ich, auch wenn sie in mancherlei Hinsicht ein wenig anders sind – das geht uns aber allen so.“ …geht das auch ein bisschen genauer?… „Na schön, dann will ich es dir erklären.“

Menschen mit Behinderung aus der Sicht der Gesellschaft

In unserer Gesellschaft haben wir ein festgelegtes Bild von einem gesunden Menschen. Alles was davon abweicht, sehen wir im besten Fall als anders, als Handicap, als Behinderung und im schlimmsten Fall als krank.

Fragt man sie selbst, stellt man immer wieder fest, dass diese Einordnung ihres anders Seins sie sehr verletzt, da sie es als Abwertung empfinden. Krank sein, hört sich im Sinne der Einordnung „Behindert“ auch eher wie „kaputt sein“ an. Schon bei der Geburt eines Kindes sind alle glücklich, wenn es zwei Arme, zwei Beine, zehn Finger und zehn Zehen hat – alles dran was ein gesundes Kind braucht. Fehlt etwas, z.B. ein Arm, scheint unser Denken seine Informationen aus der Schublade „kaputte Dinge“ zu ziehen: Fehlt der wertvollen Porzellanpuppe ein Arm, ist sie kaputt und damit nicht mehr so viel wert.

Menschen mit Behinderung aus ihrer eigenen Sicht

Die meisten Behinderten sehen ihr Handicap eher als Herausforderung im normalen Leben. Normal deshalb, da sie mit ihrer Behinderung ein ganz normaler Mensch sind, der wie wir alle im Leben bestehen muss. Sie sehen die Hilfe, die sie benötigen um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen an, wie jemand „gesundes“, der mal eben den Elektriker ruft, weil sein Herd nicht mehr funktioniert oder den Mann vom Schlüsseldienst braucht um wieder in seine Wohnung zu kommen, da er seinen Schlüssel nicht finden kann.

Eine Behinderung ist nicht schön, aber mit der richtigen Einstellung dazu, lässt sich ein Leben durchaus bewältigen. Jeder für sich muss nur die Lösungen suchen, die sein Handicap ausgleichen. Egal ob man dafür z.B. die Braille-Schrift lernt, mit den Füßen schreibt oder auch ein Auto nach den eigenen Bedürfnissen umbaut. Ein Handicap zu haben bedeutet, offen zu sein für die Möglichkeiten und Menschen, die es einem ermöglichen die Ziele zu erreichen, die man sich steckt.

Handicaps sind so eine Sache

Manche haben es von Geburt an, andere bekommen es im Laufe ihres Lebens durch Unfall oder Krankheit und wieder andere haben eines und wissen es scheinbar gar nicht. Dann gibt es noch die Spezialisten, die Handicaps an sich sehen, wo es offenkundig gar keine gibt. Fazit: Den perfekten Menschen gibt es nicht. Auch ist nicht jedes Handicap für jeden eine Behinderung.

Einerseits gibt es Menschen, die malen mangels Armen, die schönsten Bilder mit ihren Füßen. Andererseits gibt es aber Menschen mit zwei gesunden Armen, die nicht in der Lage sind ein schönes Bild zu malen. Stellt sich die Frage: Wer bitte hat denn jetzt das größere Handicap? Geht es darum wer von beiden ein guter Maler sein will, ist es wohl eher der gesunde Mensch, der hier ein Handicap hat, denn für das Malen braucht es in erster Linie Talent.

Was wir von Menschen mit Behinderung lernen können

Das wichtigste von allem: Ein Handicap ist keine Krankheit! Im Gegenteil. Wer das was er nicht hat bzw. nicht kann, nicht immer gleich als Weltuntergang sieht, hat eine reelle Chance ein ganz normales Leben zu führen.

Das zweitwichtigste: Wer trotz Handicap ganz frech ein normales Leben führt, hat genug Zeit und Muße übrig, über die kuriosen Wege, die zu Zielen führen auch einmal herzhaft zu lachen. Humor, besonders der, bei dem man über sich selbst lachen kann, ist der beste Motor im Leben immer weiter vorwärts zu gehen und Hindernisse zu überwinden. Auch hilft er Gesprächsbarrieren zu überwinden und damit ganz neue Erkenntnisse zu erlangen.

Auf die Frage: „Wie schlimm ist es denn für dich seit deinem Unfall im Rollstuhl zu sitzen?“, bekommt man manchmal eine sehr unerwartete Antwort: „Bevor der Zug mir beide Beine abgefahren hat, saß ich am liebsten zu Hause herum und haderte mit meinem Leben, dass es stinke langweilig ist. Nach dem Unfall dachte ich mir, dass es jetzt bis zum Ende auch so bleiben wird. Eines Tages, erzählte mir ein Freund, dass er nach Spanien fahren wollte – ein bisschen Abenteuer erleben und das Land kennenlernen. Tja, da konnte ich nicht mit – Rollstuhlfahrer. Da hat mein Freund angefangen herzhaft zu Lachen. Warum? Dass ich nicht mit nach Spanien fahren kann, läge nicht an meinem Rollstuhl, dafür gäbe es genug Lösungen, die man gemeinsam umsetzen kann, nein, mein Problem sei einzig meine Faulheit – wie vor dem Unfall. Recht hatte er. Jetzt sind meine Reisen zwar aufwendiger als sie vor dem Unfall je gewesen wären, aber dafür habe ich seit meinem Unfall mehr Länder gesehen als zuvor.“

…also das meinst du damit Opa, wenn du sagst, dass wir alle ein bisschen anders sind als andere und uns dadurch nicht wirklich von denen unterscheiden, die wir „behindert“ nennen… „Ja, ein Handicap ist nichts anderes als ein Hindernis im Leben, dass es zu überwinden gilt. Ein jeder von uns hat in irgendeiner Form ein Handicap und so manches davon hat auch seine Vorteile.“ …???… „Ach Herr Cater, glaubst du wirklich, dass ein Abfahrtsfahrer, in der Gruppe der Beinlosen, bei den Paralympics, im Gegensatz zu so manch anderem Skifahrer mit zwei gesunden Beinen, Angst haben muss, sich bei seinem Sport die Beine zu brechen?“ …jetzt wo du das sagst…die Sorgen im Leben hat er schon mal nicht…

…aber, Opa, wie ist es mit dem Tod? Ist der nicht das größte Handicap überhaupt? Er ist ja eine ziemlich endgültige Angelegenheit. „Sollte man meinen, mein Lieber. An dir und unserer Villa Geisterbund sieht man jedoch, dass selbst der Tod kein Hindernis ist, das man nicht irgendwie überwinden kann. Zu Lebzeiten dachte ich auch noch, dass nach dem Tod alles zu Ende ist. Doch wie man sieht – mein Handicap war meine mangelnde Vorstellungskraft. Da ist mir dein Frauchen ein gutes Stück voraus. Mit ihr überwinden auch wir Hindernisse, haben sogar einen eigenen Blog, sind auf Facebook, haben viele Freunde und Fans. Tja und selbst wenn uns einige für ein klein wenig gaga halten, haben wir gemeinsam viel zu lachen, haben uns und entdecken die Geheimnisse des Lebens immer wieder neu – auch wenn alles bei uns ein wenig anders ist als bei anderen.“

…solltet ihr mal probieren. Was? Mit anderen Handicappern über Euer Handicap reden. Wer weiß was für interessante Erlebnisse sich daraus in Eurem Leben ergeben…wenn es am Ende auch nicht für eine Medaille reicht – nette Leute kennen lernen, Spaß haben, neue Ziele und Ideen entwickeln, ist doch auch schon was… 

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater