Archiv für den Tag: 2. Mai 2019

Pflegenotstand

Nein, Krankheit, Sterben und der Tod sind keine schöne Sache. Wir hier in der Villa Geisterbund sprechen da aus Erfahrung! Dabei hatten viele bei uns das große Glück, bis zum Schluss bestens betreut worden zu sein. Doch wenn wir so verfolgen, was in der heutigen Zeit so alles zum Thema Pflege zu lesen, sehen und zu hören ist, platzt unsereiner auch schon mal der Kragen. Notstand und nichts als Notstand. Was läuft da falsch?

Die meisten in unserer Villa Geisterbund haben gepflegt um später dann selbst gepflegt zu werden – normal und nichts Besonderes. Zumindest dachten wir das bis jetzt immer. Neulich hat uns Groß-Tantchen die ganze Misere der heutigen Zeit dann einmal erläutert.

Wenn etwas Angst macht, geht man ihm aus dem Weg

Alte, Kranke und Sterbende Menschen verbindet man nicht unbedingt mit Freude. Im Gegenteil. Das woran sie uns erinnern und das jeden Tag aufs Neue ist der Tod. So gerne wir die Betroffenen zu besseren Zeiten auch gehabt haben mögen, jetzt konfrontieren sie uns mit unserem Erzfeind. Damit aber nicht genug. Sabbernd, stöhnend und mit allerlei Wunden gezeichnet, steigt uns der üble Geruch unserer Endlichkeit unaufhaltsam in unsere, doch sehr empfindliche Nasen. Nicht erst seit dem Brandner Kasper sind wir uns sicher, dass es vor dem Tod, egal wie clever wir sind, kein Entrinnen gibt. Unsere Reaktion darauf? Wie die kleinen Kinder hoffen wir, dass das was wir nicht sehen uns auch nicht sieht. Unser „nicht Hinsehen“ oder unser „Weglaufen“ vor dem Tod – daraus ist der Pflegenotstand gemacht.

Optimale Pflege

Unser aller Wunsch ist es, die für uns schwierige Zeit, in welcher Form auch immer, gut behütet, im Kreis unserer Lieben und auch würdevoll zu verbringen.

Früher tat die Familie alles in ihrer Macht stehende dafür ihren Mitgliedern diese Wünsche zu erfüllen. Ja auch Kinder bezog man in diesen Prozess der Pflege mit ein. Es war das Natürlichste von der Welt, dass alle ihren Beitrag leisten mussten und auch wollten. Jeder tat das was er konnte, so gut wie er konnte.

Ebenso wie mit der Pflege, hielt man es auch mit dem Sterben und dem Tod. Zwar hat man auch früher den Tod gefürchtet, aber zu heute gab es einen wesentlichen Unterschied und der lag im Sterben.

Im Sterbeprozess liegt Ehrlichkeit

Die Phase des Sterbens ist die wohl ehrlichste Zeit in unserem Leben. Zumindest sollte sie das sein. Warum? Jeder kennt die Situation, wenn ein nahestehender Mensch ohne Vorwarnung stirbt. Die Trauer ist groß und dass damit verbundene Leid, ihm/ihr nichts mehr von dem sagen zu können, was doch noch wichtig gewesen wäre, verschlimmert es noch.

Nichts mehr sagen, nichts mehr fragen können und des Abschiedes unwiederbringlich beraubt, sollten wir uns heute eine wichtige Frage stellen. Wollen wir das alles nur, weil wir es in dieser Situation nicht mehr können? Oder warum sonst, tun wir es dann immer seltener, wenn wir durch den Prozess des Sterbens die Möglichkeit dazu hätten?

Doch gerade in der Phase des Lebens, in der wir andere pflegen, erhalten wir durch die für alle Seiten ungewohnte Situation, die Möglichkeit gemeinsam Ängste zu überwinden und oft auch für beide Teile sehr bereichernde Gespräche zu führen und so manchen Konflikt aus der Welt zu schaffen.

Pflege ist ein voneinander lernen

Einerseits versucht der Pflegende Mut zuzusprechen und hilft dem Kranken bzw. Sterbenden die aufkommenden Unsicherheiten zu überwinden. Doch auch der Kranke bzw. Sterbende hilft oft dem Pflegenden, seine Unsicherheiten zu umschiffen. Beide lernen, dass Kommunikation auf viele Arten stattfinden kann. Undurchsichtige Situationen gemeinsam aushalten, Zeit miteinander haben oder einfach gemeinsam warten was geschieht.

Während der Pflegende an das Leben erinnert, lehrt der Kranke wie man mit Krankheit umgeht und der Sterbende zeigt, wie es geht das Sterben. Wer diese gegenseitige Vorbildfunktion vor Augen hat, weiß auch um die Verantwortung, die man, auf welcher Seite der Situation man auch in diesem Moment steht, dem anderen gegenüber hat.

Die Pflege ist einer der wichtigsten Berufe, die wir haben

Zum einen braucht es viel Erfahrung und Feingefühl im Umgang mit Menschen und ihren Bedürfnissen in sehr intimen Situationen. Menschen die pflegen zehren von ihrem hohen Wertebewusstsein, denn es ist nicht immer einfach persönliche Grenzen des anderen zu erkennen, bzw. diese an die Gegebenheiten unumgänglicher Situationen anzupassen.

Zum anderen vereint der Beruf des Pflegenden viele unterschiedliche Tätigkeiten in einem. Der Pflegende ist Vertrauensperson gegenüber der Macht des Arztes, er ist Freund, Familie, Helfende Hand, sehendes Auge, Trost in schweren Momenten, Vermittler, Medikamentengeber, Vorleser und neben noch vielen anderen Dingen, dass freundliche Gesicht, das einem jeden Tag die Hoffnung gibt in der Sekunde des Unvermeidlichen, Mut für den entscheidenden, letzten  Schritt zu haben.

Ja, Pflegende, auch die, die es nicht beruflich machen, haben allen Grund stolz auf sich und ihre Leistung zu sein. Alle anderen haben Grund genug anerkennend ihren Hut vor dieser Leistung zu ziehen.

Wenn man etwas wirklich will, dann findet sich auch ein Weg

Wer das Leben im Blick hat, sollte den Tod nicht scheuen. Beides ist nun einmal untrennbar miteinander verbunden.

Deshalb sollte auch in der Pflege gelten, was z.B. im Fußball ganz normal ist. Will ein Verein gute Spieler haben, lässt er sich das dann auch schon mal ein paar hundert Millionen Euro kosten. Ja, stolz ist man auf die Fußballspieler schon. Schließlich müssen sie bei jedem Spiel alles geben auch wenn es schon mal an ihre Substanz geht.

Doch auch bei großen Auktionen gilt, dass wenn man etwas unbedingt haben will, man bereit ist immense Summen zu bezahlen. Da wechseln schnell mal z.B. für ein Bild, ein Kleid, einen Brief einer bekannten Persönlichkeit oder ein Stück Kuchen von der Queen Tausende, wenn nicht sogar einige Millionen den Besitzer.

…Irgendwie hat Groß-Tantchen recht. Beispiele für unglaubliche Gagen, Gehälter und Preise gibt es mehr als genug. Geld genug gäbe es also um die Pflegenden, auf die wir stolz sind, angemessen für ihre Arbeit zu bezahlen und ihnen eine gute Ausbildung zu finanzieren um uns allen ein würdevolles und begleitetes Sterben zu ermöglichen.

Leider erkennt der Mensch nur in seltenen Dingen einen Wert. Je mehr es von etwas gibt, desto billiger wird es gehandelt. Wohl mit ein Grund warum wir scheinbar das Sterben als Massenware behandeln, statt zu begreifen, dass ein erfülltes, glückliches Leben, ohne Angst vor dem Tod, nur möglich ist, wenn wir das individuelle Sterben eines jeden Einzelnen lernen wertzuschätzen…

In diesem Sinne,

Euer Herr Cater